Mittwoch, 11. Juni 2025
Dienstag, 30. April 2019
Was stimmt nicht mit mir?
Da sitze ich nun. Bei einer Party, zu der ich nicht wollte. Weil ich Feiern ohnehin nicht (mehr) viel abgewinnen kann. Vielleicht ist es meine angeborene Schüchternheit. Vielleicht mag ich auch einfach größere Ansammlungen von Menschen nicht. Oder vielleicht mag ich Menschen einfach nicht. Fakt ist: Ich kann Frauen nicht leiden. Oder Frauen können mich nicht leiden.
Nee. Quatsch. Leiden kann ich sie schon. Ich sage zwar gerne mal, dass ich Menschen hassen und lieber mal Urlaub in den Misanthropen machen würde, doch im Grunde kann ich Menschen sehr gut leiden und bin ein nettes Exemplar, also kann ich auch weibliche Menschen leiden. Ich kann nur nicht so gut mit ihnen. Oder sie können nicht so gut mit mir. Oder ich kann für einen Moment nicht so gut mit mir selbst. Hach. Es ist kompliziert.
Es ist nämlich so, dass mich der Umgang mit Frauen bzw. der Umgang mit den meisten von ihnen vor eine quälende Frage stellt:
Nee. Quatsch. Leiden kann ich sie schon. Ich sage zwar gerne mal, dass ich Menschen hassen und lieber mal Urlaub in den Misanthropen machen würde, doch im Grunde kann ich Menschen sehr gut leiden und bin ein nettes Exemplar, also kann ich auch weibliche Menschen leiden. Ich kann nur nicht so gut mit ihnen. Oder sie können nicht so gut mit mir. Oder ich kann für einen Moment nicht so gut mit mir selbst. Hach. Es ist kompliziert.
Es ist nämlich so, dass mich der Umgang mit Frauen bzw. der Umgang mit den meisten von ihnen vor eine quälende Frage stellt:
Was stimmt nicht mit mir?
So lautet die Frage, die dann immer wieder in meinem Kopf auftaucht und ihre selbstzweiflerischen Runden dreht.
Bei solchen Feiern ordnet man(n) mich nämlich gerne den Frauentischen und Frauenrunden zu. Da sitze oder stehe ich dann und frage mich, was nicht mit mir stimmt. 99 Prozent der Gespräche zwischen den anderen Frauen und mir ersterben nach etwa zwei Minuten. In etwa so:
Gerade hat eine der anderen Frauen ein etwa fünfminütiges Referat über das Putzen gehalten und diverse ihrer Tätig- und Fertigkeiten dabei detailliert beschrieben. Enthalten waren dabei auch Produkttipps, auf die die anderen Frauen bereitwillig eingegangen sind und wiederum ihre Tipps zum Besten zu geben wussten. Was stimmt nicht mit mir? Ich putze auch. Sogar regelmäßig. Meine Wohnung ist echt in einem ziemlich okayen Zustand. Aber ich rede nicht darüber, wie dieser Zustand erlangt wird, schon gar nicht rede ich mit derartiger Expertise über Details des Putzens. Ich mache es halt einfach. Ich kann dazu echt nicht referieren, weder mit Abscheu noch mit Begeisterung. Ich habe keine Meinung zum Putzen. Was stimmt nicht mit mir?
Wenig später spricht eine andere Frau darüber, dass sie gegen halb sechs aufsteht, um sich für den Tag bereit zu machen. Das heißt für sie: Haare in Form bringen, Make-up auftragen, Kleidung auswählen. Vor allem ihre Haare würden zirka 45 Minuten Zeit beanspruchen. „Die liegen nicht von Natur aus so“, streicht sie sich durch ihre Kurzhaarfrisur. Ich denke – durchaus auch mit feinen Zügen der Wehmut – an meine Kurzhaarfrisuren (ich hatte sie ALLE). Etwa 45 Sekunden Zeit kosteten die mich täglich, manchmal auch nur einmal wöchentlich. Aber auch jetzt, wo meine meinen störrischen Charakterzügen sehr ähnlichen Haare die Kinnlinie passieren, passiert es mir nicht, dass ich wegen meiner Haare eher aufstehe. Die liegen von Natur aus so wie sie eben nicht liegen. Ich erzähle, dass ich morgens gerne früher aufstehe, um Yoga zu machen und ein bisschen zu meditieren. Schon als ich es ausgesprochen habe, fühle ich mich ein wenig freakig. Die anderen fragen, ob Yoga viele Kalorien verbrennt und ob es gut für die Figur ist. Ich muss ihnen gestehen, dass es mir nicht die Bohne darum geht. Was stimmt nicht mit mir?
Der kritische Punkt ist erreicht, an dem die nächste Frau in der Runde Wind davon bekommen hat, dass ich inzwischen aktives Mitglied einer Freiwilligen Feuerwehr bin. Also sie könnte das ja nicht, sagt sie. Und als ich noch so denke, dass sie sicherlich auf Rauch, Hitze, Blut und alles was bei Einsätzen noch so zu erblicken und zu erspüren sein könnte anspielt, haut sie mich mental um. Sie könne das ja nicht, nachts oder im Morgengrauen einfach so los. Ja, sage ich, nachts um zwei aufstehen zu müssen sei jetzt echt kein Spaß. Ich meine die Chronobiologie und dass man um solche Uhrzeiten nicht gerade auf der intellektuellen Höhe ist. Sie nicht. Sie fragt mich, wie ich es verkrafte, dass mich meine Kameraden dann so völlig ungeschminkt, unfrisiert und im Schlabberlook zu Gesicht bekommen. Darüber denke ich nicht nach. Was stimmt nicht mit mir?
Mittwoch, 6. Februar 2019
Ziemlich beste Baustelle
Der Mann und ich haben jetzt eine gemeinsame Baustelle. Für mich ist das ein bisschen so wie meine Erklärung dafür, dass Menschen Kinder bekommen – es verbindet, einen gemeinsamen Feind zu haben.
Wobei. Es gibt so Momente… da stehe ich da und überlege, ob ich ihm nicht einfach eins mit der Schippe überbraten könnte und ihn dann verbuddeln, damit Ruhe ist und ich wieder mehr Freizeit und weniger Muskelkater habe. Dann fällt mir wieder ein und auf, wie viel Arbeit es macht einen Menschen zu verbuddeln, wie schwer meine Arme ohnehin schon von all der Schipperei sind, wie wenig Lust ich habe mich noch mehr anzustrengen … und ich verwerfe also mein mörderisches Potenzial wieder.
Es hindert mich aber nicht daran, ihn darauf hinzuweisen, dass ich gerade Lust verspüre, ihm mit der Schippe eins überzuziehen. Er findet das nur so semitoll. Offenheit in einer Beziehung wird scheinbar überbewertet.
Es ist rechnerisch so, dass ich seine bessere Hälfte bin. Anders ausgedrückt bringe ich die Hälfte seines Gewichts auf die Waage. Praktisch ausgedrückt bin ich also kein besonders fähiger Bauhelfer. Und auch mein Wissen ist äußerst dünn. Ich kann mit den wenigsten Begrifflichkeiten – Alligator, Phasenprüfer, UW-Profil, WTF – etwas anfangen. Und ich will es auch gar nicht.
Was ich will, ist meine neu gewonnenen Freundschaften pflegen. Ali und sein Angestellter von der Imbissbude gegenüber und ich sind ziemlich beste Freunde, was ich mit zwei vollen Döner-Bonuskarten an sechs Wochenenden belegen kann.
Ali wies mich am dritten Wochenende darauf hin, dass ich auch vorher anrufen könne und dann nicht so lange auf meine Bestellungen warten müsste. Ich erklärte ihm, dass ich nicht immer aussehe wie die Dust Lady, die den 11. September überlebte, sondern einfach nur eine Baustelle habe und auf dieser frei habe, solange ich Essen hole. „Aaaaaah“, machte Ali, zwinkerte wissend und fragt nun immer, wie viel Pause ich möchte, bevor er anfängt, die Rotkrautstreifen einzeln in das Fladenbrot zu dekorieren. Eine Baustelle verbindet eben.
Wobei. Es gibt so Momente… da stehe ich da und überlege, ob ich ihm nicht einfach eins mit der Schippe überbraten könnte und ihn dann verbuddeln, damit Ruhe ist und ich wieder mehr Freizeit und weniger Muskelkater habe. Dann fällt mir wieder ein und auf, wie viel Arbeit es macht einen Menschen zu verbuddeln, wie schwer meine Arme ohnehin schon von all der Schipperei sind, wie wenig Lust ich habe mich noch mehr anzustrengen … und ich verwerfe also mein mörderisches Potenzial wieder.
Es hindert mich aber nicht daran, ihn darauf hinzuweisen, dass ich gerade Lust verspüre, ihm mit der Schippe eins überzuziehen. Er findet das nur so semitoll. Offenheit in einer Beziehung wird scheinbar überbewertet.
Es ist rechnerisch so, dass ich seine bessere Hälfte bin. Anders ausgedrückt bringe ich die Hälfte seines Gewichts auf die Waage. Praktisch ausgedrückt bin ich also kein besonders fähiger Bauhelfer. Und auch mein Wissen ist äußerst dünn. Ich kann mit den wenigsten Begrifflichkeiten – Alligator, Phasenprüfer, UW-Profil, WTF – etwas anfangen. Und ich will es auch gar nicht.
Was ich will, ist meine neu gewonnenen Freundschaften pflegen. Ali und sein Angestellter von der Imbissbude gegenüber und ich sind ziemlich beste Freunde, was ich mit zwei vollen Döner-Bonuskarten an sechs Wochenenden belegen kann.
Ali wies mich am dritten Wochenende darauf hin, dass ich auch vorher anrufen könne und dann nicht so lange auf meine Bestellungen warten müsste. Ich erklärte ihm, dass ich nicht immer aussehe wie die Dust Lady, die den 11. September überlebte, sondern einfach nur eine Baustelle habe und auf dieser frei habe, solange ich Essen hole. „Aaaaaah“, machte Ali, zwinkerte wissend und fragt nun immer, wie viel Pause ich möchte, bevor er anfängt, die Rotkrautstreifen einzeln in das Fladenbrot zu dekorieren. Eine Baustelle verbindet eben.
Montag, 16. Juli 2018
Nett mit Beigeschmack
Ein sonniger Tag, weiße Schleierwolken ziehen feine Bahnen in den blauen Himmel, die Vögel zwitschern, der Wind rauscht leise durch die grünen Blätter. Man muss einfach gute Laune haben an so einem Tag, geht eigentlich nicht anders. Noch dazu habe ich frei und alle Zeit dieser wunderschönen Welt für einen langen Spaziergang durch genau die Wiesen meiner Stadt, die mich immer ein bisschen an mein gelobtes Land Brandenburg erinnern. Schön. Einfach schön.
Ich strebe mit großen und meinen üblich schnellen Schritten auf dem schmalen Weg vorwärts. Die Steine piksen sich durch die dünnen Schuhsohlen. Es macht mir nichts, zu beglückt bin ich von diesem Sonnentag. Vor mir taucht eine Frau mit durch und durch langem Kleid und Kopftuch auf. Sie schiebt einen Kinderwagen. Zwei kleine Jungs stapfen vorne weg, ihrem noch etwa 50 bis 75 Meter entfernten Vater (vermute ich) auf den Fersen.
Der Mann dreht sich immer wieder nach den Jungs um, dabei erblickt er mich und sagt auf Arabisch etwas zu der Frau. Sie dreht sich um, hebt entschuldigend die Hand und bugsiert den Kinderwagen ins Gras, um mir und meinem Galopp Platz zu machen. Ich winke noch ab und will ihr bedeuten, dass sie das nicht tun muss. Warum auch sollte der mit Kinderwagen ins unwegsame Gras ausweichen? Sie tut es dennoch. Ich verlangsame meinen Schritt, lächle sie an, blicke kurz auf das höchstens drei Monate alte Baby und sage "Danke". Ich hoffe, das Kleine ist nicht wach geworden durch den holprigen Weg ins Gras.
Als ich langsam weitergehe, um mich an den Jungs vorbeizuschlängeln, sagt der Vater auch zu ihnen etwas. Ich verstehe wieder kein Wort. Aber es klingt genau wie bei der Frau irgendwie nach einem Befehl, Platz zu machen. Der etwa Fünfjährige trollt sich gleich, der Kleine von höchstens zweieinhalb Jahren interessiert sich nicht für die Worte. Er hat wichtigere Dinge zu tun. Dinge, die Kinder seines Alters eben so zu tun haben und als das Wichtigste auf der Welt erachten. Gut so.
Er hat einen Kornapfel in der Hand. Und den zeigt er mir als ich gerade vorbei will. Ich lächle ihn an und frage, was er denn da hat. Er beginnt zu erzählen. Ich verstehe kein Wort von dem Gesagten, weil das bei höchstens Zweieinhalbjährigen immer so ist - egal welche Muttersprache sie haben. Er brabbelt munter drauf los, dass sich die kleine Zunge vor Aufgeregtheit überschlägt und ich verstehe kein Wort. Wie bei jedem Kind dieses Alters tue ich aber schwer begeistert, verständnisvoll und interessiert, obwohl ich kein Wort verstehe. Der höchstens Zweieinhalbjährige stoppt seinen Redefluss. Gut, denke ich, das war dann also alles zum Thema Apfel. Ich winke dem Kleinen und will wieder schneller gehen.
Er aber greift mit seiner kleinen Hand meine und krabbelt seine Fingerchen in meine Handfläche, geht mit mir im Schneckentempo höchstens Zweieinhalbjähriger den Weg weiter. Dabei hält er mir den Apfel hoch und gibt ihn mir in die andere Hand. Wieder erzählt er. Wieder tue ich so als wäre ich voll Verständnis, wiege den Apfel hin und her. Er redet und redet. Er deutet auf den Apfel. Ich beuge mich zu ihm herunter, gebe den Apfel zurück und reiche ihm meine Hand zum Handschlag, sage "Tschüss, kleiner Mann" und winke.
Der Vater ist stehen geblieben, hat alles beobachtet. Auch er reicht mir die Hand, schüttelt sie und sagt in gebrochenem Deutsch: "Vielen Dank, das war sehr nett von Ihnen, so freundlich ist hier sonst kaum jemand zu uns, ich wünsche Ihnen alles Gute!"
Montag, 2. April 2018
Hipsterpärchenabendalarm
Schön. Urlaubstag. Ein italienisches Restaurant, das so gut ist, dass wir das zweite Mal in vier Tagen dort sind. Durch das Fenster kann man die See sehen. Die Sonne geht unter. Die Musik spielt sanft im Hintergrund. Öffnet sich die Küchentür duftet es stoßweise nach frischem Ciabatta. Der Büffelmozzarella zergeht auf der Zunge. Die Nudeln werden frisch gemacht. Die Karte bietet zu sehr fairen Preisen so viele Leckerbissen ... man würde sich am liebsten einmal durchfressen. Und die Kellner sind auf unaufdringliche Art freundlich wie die Sonne Italiens. Hach. Schön.
Dann kommen sie. Hipster. Vier Stück. Portioniert in Pärchen. Sie parken ein besterntes Auto im Halteverbot und betreten das Restaurant. Drei von ihnen halten Smartphones in den Händen und den Kopf gesenkt, der vierte wenigstens den Schlüssel zum Auto. Sofort denke ich an irgendeinen Vater, der das alles bezahlt. Meine Synapsen feuern fröhlich eine Salve Vorurteile. Der weibliche und der männliche Hipster an sich in Reinform ... scheint mir.
Die Ers tragen diese Label-Mützen aus Strick auf dem Kopf und Basketballschuhe an den Füßen. Die kann man bestimmt schon im used look kaufen? Ich glaube nicht, dass die sie selbst so abgelatscht haben. Die Sies tragen entweder diese Stiefelletten mit dem Stoffeinsatz oder Sneaker - die Knöchel jeweils frei. Draußen sind kaum über null Grad und vom Meer kommt eisiger Wind. Ich komme nicht umhin mich zu fragen, wie die das eigentlich machen?
Leidet der männliche Hipster nie an kalten Füßen oder trägt er vielleicht sehr dicke Socken drunter? Vielleicht diese ultrawarmen und wirklich sehr empfehlenswerten von der Bundeswehr? Hat der Hipster je Kontakt zum Bund gehabt? Ist der weibliche Hipster sehr abgehärtet oder trägt er vielleicht Thermosohlen? Oder hilft die fette Wolldecke, die er neuerdings um den Hals trägt? Oder der zu groß geratene Strickpulli?
Und dieser übliche Esmusssoscheißeungeplantaussehenundkostetechtvielmüheundarbeitsoverwuscheltzuwirken-Dutt auf dem Kopf? Dafür gibt es bestimmt Tutorials bei Youtube, die dem weiblichen Hipster beibringen, erst einen ballerinamäßigen Knoten zu binden und sich dann auf der Krone des Kopfes voran über einen mindestens drei Meter langen harten Teppich zu schieben? Oder ist das Ding schon so lange auf dem Kopf, dass mit den ersten Frühlingstagen Tschilpen von dort zu hören sein wird?
Sie nehmen nicht viel Platz weg im mit lauter normalen Menschen gefüllten Restaurant. Alle vier sind auf diese schlacksige Art dünn, die einem verrät, dass die Muskeln seit dem Schulsport gänzlich ungenutzt geblieben sind und körperliche Arbeit jetzt nicht so ihr Ding ist. Ich denke wieder an die Eltern, die das alles bezahlen.
Erst einmal wird die Karte studiert und sich lautstark aufgeregt, dass eine bestimmte Marke Wasser nicht auf dieser zu finden ist. Ich habe irgendwo mal gelesen, dass diese Marke zu der Art Wasser-Mafia gehört, die Menschen in Afrika das Wasser nimmt. Die Weinkarte fällt nach einiger Diskussion nicht so durch. Man bestellt was Rotes, kann den Namen, welchen ich schon wieder vergessen habe, natürlich schwunghaft italienisch aussprechen und sich anschließend in Fachsimpeleien verlieren, für die ich auch einem Sommelier Posing vorwerfen und ihm Prügel androhen würde.
Als Vorspeise kommt Salat. Dieser wird erst umdekoriert und dann fotografiert. Der weibliche Hipster scheint nach der Hälfte schon satt, wirkt aber insgesamt eher unfroh. Der männliche Hipster bekommt noch eine Pizza, welche allerdings nicht fotografiert wird, aber neidvoll vom weiblichen Hipster beäugt wird, bevor er beginnt, sich immer wieder kleine Stücken zu picken und schließlich doch die Hälfte der Pizza zu essen.
Sie sind satt. Sie predigen jetzt weder über Wasser noch Wein. Sie alle starren auf ihre Telefone, tippen, wischen, schmunzeln, der weibliche Hipster sieht sich vermutlich an Fotos satt. Erst verzögert bemerken sie den Kellner, der fragt, was es noch für Wünsche gibt. Der männliche Hipster fordert die Rechnung. Sie kommt. Alle vier beäugen sie, machen was aus und schließlich kramt der männliche Hipster sein Portemonnaie heraus, blättert es auf und lässt den Kellner demonstrativ auf die schwarze Kreditkarte blicken, bevor er centgenau bezahlt.
Ich hoffe, dass der Kellner gute Kontakte zur Mafia hat und noch ein bisschen Erziehung nachgeholt werden kann... und wie gerne hätte ich die Hipster vorher fotografiert, aber mein Handy ist irgendwo ganz tief unten in der Tasche vergraben. Nie wird einer die Mozzarellawolke sehen. Schade.
Freitag, 2. März 2018
Brennen
Wie Marsellus Wallace' Frau. Nach der Adrenalinspritze. Jede Nacht. Jede Nacht um drei. Immer. Wach gespritzt wie Marsellus Wallace' Frau nach der Adrenalinspritze. Es gibt nur keine Spritze. Wenn, sitzt sie irgendwo unter der Haut. Keine Party, keine Drogen, keine Fussmassage davor.
Ins Bett gelegt als sei der Körper aus Teig. Schwerer und breiter als er ist fühlt er sich an. Irgendwie unkontrollierbar. Wie Watte voll Wasser gesogen. Unbeweglich, zerrig, dumpf. Der kaputte Teig. Die Adrenalinspritze kommt. Herz rast. Keine Ruhe mehr. Eine Stunde lang. Wegdämmern, der Teig wird schwerer.
Jeden Morgen danach kraucht der Teig aus dem Bett, strafft sich, dass bloß keiner was merkt. Funktionieren ist das letzte, was noch funktioniert. Schutt und Asche sonst. Zu viel Arbeit. Zu wenig Geld. Zu viele Sorgen. Zu viele Probleme. Zu wenig Lösungen. Keine Hilfe gesucht. Die falschen Männer zur falschen Zeit, die richtigen Männer zur falschen Zeit. Zu viel Alkohol. Zu wenig Appetit.
Das Brennen der Schläfen. Es kommt plötzlich. Es kommt immer öfter. Es könnte alles verraten. Jetzt gleich, denkt sie dann, jetzt gleich wird bestimmt was explodieren - ich. Die Schläfen brennen so, sie pochen, das Blut, es rauscht im Kopf. Jetzt gleich, wird der Teig explodieren. Nasenbluten. Oder Kotzfontäne. Irgendwas passiert bestimmt gleich, der Körper wird explodieren, denkt sie. Nichts. Das Brennen verschwindet. Kommt und geht.
Das Kalenderblatt sagt, dass die Monate vergehen. Sie weiß es nicht, alles taub, alles betäubt. Bis es nicht mehr geht, sagt die Ärztin. Burnout. Scheiß Lifestyleanmutung, diskutiert sie noch, als wieder die Schläfen zu brennen beginnen. Jahre später hebt die Ärztin wieder den Zeigefinger. Blutarmut und ausgewrungenes B12-Depot sind Folgen vom Raubbau dunkler Zeiten damals, sagt sie. Und dass sie nur Glück hatte, rechtzeitig den anderen Weg genommen zu haben.
Ich kann nicht mehr, wird sie ihrem großen Bruder schreiben. Der wird sie zu sich holen. Und alleine lassen. Irgendwo im Nirgendwo. Das Brennen vergeht im Nichts. In der dritten Nacht schläft sie das erste Mal seit Monaten durch. Am fünften Tag findet sie einen Ratgeber für frisch gebackene Eltern. Ein Baby, denkt sie, behandelt man immer gut. Essen, Schlaf, Fürsorge bekommt es. Sie adoptiert sich selbst. Sie päppelt sich auf. Jahre wird es dauern.
Ins Bett gelegt als sei der Körper aus Teig. Schwerer und breiter als er ist fühlt er sich an. Irgendwie unkontrollierbar. Wie Watte voll Wasser gesogen. Unbeweglich, zerrig, dumpf. Der kaputte Teig. Die Adrenalinspritze kommt. Herz rast. Keine Ruhe mehr. Eine Stunde lang. Wegdämmern, der Teig wird schwerer.
Jeden Morgen danach kraucht der Teig aus dem Bett, strafft sich, dass bloß keiner was merkt. Funktionieren ist das letzte, was noch funktioniert. Schutt und Asche sonst. Zu viel Arbeit. Zu wenig Geld. Zu viele Sorgen. Zu viele Probleme. Zu wenig Lösungen. Keine Hilfe gesucht. Die falschen Männer zur falschen Zeit, die richtigen Männer zur falschen Zeit. Zu viel Alkohol. Zu wenig Appetit.
Das Brennen der Schläfen. Es kommt plötzlich. Es kommt immer öfter. Es könnte alles verraten. Jetzt gleich, denkt sie dann, jetzt gleich wird bestimmt was explodieren - ich. Die Schläfen brennen so, sie pochen, das Blut, es rauscht im Kopf. Jetzt gleich, wird der Teig explodieren. Nasenbluten. Oder Kotzfontäne. Irgendwas passiert bestimmt gleich, der Körper wird explodieren, denkt sie. Nichts. Das Brennen verschwindet. Kommt und geht.
Das Kalenderblatt sagt, dass die Monate vergehen. Sie weiß es nicht, alles taub, alles betäubt. Bis es nicht mehr geht, sagt die Ärztin. Burnout. Scheiß Lifestyleanmutung, diskutiert sie noch, als wieder die Schläfen zu brennen beginnen. Jahre später hebt die Ärztin wieder den Zeigefinger. Blutarmut und ausgewrungenes B12-Depot sind Folgen vom Raubbau dunkler Zeiten damals, sagt sie. Und dass sie nur Glück hatte, rechtzeitig den anderen Weg genommen zu haben.
Ich kann nicht mehr, wird sie ihrem großen Bruder schreiben. Der wird sie zu sich holen. Und alleine lassen. Irgendwo im Nirgendwo. Das Brennen vergeht im Nichts. In der dritten Nacht schläft sie das erste Mal seit Monaten durch. Am fünften Tag findet sie einen Ratgeber für frisch gebackene Eltern. Ein Baby, denkt sie, behandelt man immer gut. Essen, Schlaf, Fürsorge bekommt es. Sie adoptiert sich selbst. Sie päppelt sich auf. Jahre wird es dauern.
Samstag, 17. Februar 2018
Freundlichkeit siegt
Schöner Tag. Die Vögel zwitschern schon. Die Sonne schafft es immer wieder durch die Wolkendecke und wärmt. Ich habe in aller Ruhe Tee getrunken. Nachher könnte ich noch eine Runde Yoga machen, ich habe neue Sequenzen für Yin-Yoga gelernt. Erstmal breche ich auf zu einem Spaziergang.
Ich muss eine Straße überqueren. Sie ist gut und weit einsehbar. Als ich an die Ampelanlage komme, stelle ich fest: Ein Auto ist, von rechts kommend, so weit entfernt, dass ich schon lange über die Straße wäre, bevor die Ampel überhaupt umschalten würde. Ein Radfahrer, ebenfalls von rechts kommend, wäre hingegen schon durch, bevor ich überhaupt auf der Gegenseite ankäme. Von links kommt nichts. Es ist kein Kind in Sicht, dessen Erziehung ich torpedieren könnte. Ich bin nicht so stolz drauf, aber ich beschließe bei Rot zu gehen.
Meine Berechnungen stimmen. Das Auto ist nach wie vor noch weit weg. Und der Radfahrer ist schon durch, als ich die Mitte der Fahrbahn erreicht habe. Aber auch der hat Augenwinkel. Und scheint mit meinem Beschluss nicht zufrieden. Er fährt verlangsamt weiter, dreht sich leicht um. "Es ist Rot, du blöde Schnallenfotze", ruft der Mann.
Schnallenfotze. Oha.
Da ich Komposita sehr schätze, beschließe ich, auch etwas zu entgegnen. Immerhin sollte dieser Ficker begreifen, dass ich, verfluchte Scheiße nochmal, echt im Einklang mit mir selbst bin.
"Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende", rufe ich. Der Mann verlangsamt seine Fahrt immer weiter, dreht sich weiter um, gerät ins Schlenkern und plumpst vom Rad auf den Hosenboden.
Montag, 1. Januar 2018
Lieber Sylvester als Silvester
Ein neues Jahr hat begonnen. Das alte Jahr war gut - jedenfalls in den Belangen, die mich direkt angehen, von der Situation der Welt insgesamt will ich jetzt mal lieber schweigen. Der Abschluss des Jahres war für mich spitzenmäßig!
Zum wiederholten Male habe ich mir Silvester oder vielmehr das Getue darum am Arsch vorbeigehen lassen. Während andere mal wieder mit Schall und Rauch ins neue Jahr gestartet sind und heute vermutlich obendrein einen kleinen bis großen Kater pflegen, habe ich auf all das Gerede von der Party des Jahres gepfiffen und die Füße hochgelegt. Statt Silvester zu feiern, könnte ich ebenso einen Film mit Sylvester Stallone schauen - knallt auch, macht ebenso keinen Sinn und ist ebenfalls vollkommen überbewertet (Oscarnominierungen? Nicht im Ernst!?).
![]() |
| Nüchtz machen am Silvesterabend? Wird wohl meine same procedure as every year. |
Partypartypartyiiiiiieeeeeeh zu Silvester? Lieber schlitze ich mir die Pulsadern mit einem Zahnstocher auf, den ich gerade aus einem Käsehäppchen gepullt habe, das sich am Rande schon nach oben wellt. Kleines Schwarzes? Klar, in Form einer übergroßen schwarzen Jogginghose. Schlacht am Buffet? Selbstgekochtes und der Mann neben mir isst eh nie so viel wie ich, dreimal Nachschlag nehmen ist sowas von geritzt (und dummes Gerede hinsichtlich meiner Figur kann mir getrost gestohlen bleiben*). Tanzen zu Songs von Helene Fischer? Kein Kommentar, blöde Frage. Couch und dann um zehn ins Bett? Aber bitte, jahaaaa!
Seien wir doch mal ehrlich... fasst man den Vorsatz eine Waaaaahnsinnsparty zu feiern, so kann das aufgrund der hohen Erwartungen eigentlich nur in die Hose gehen. Und das tun sich viele Menschen alljährlich an? Dabei gibt es in der Regel 364 andere Tage, um die Party des Jahres zu feiern. Warum sollte es ausgerechnet dieser eine sein?
Die besten Feiern habe ich spontan erlebt, sie kamen ohne jede Ansage und haben sich so ergeben. Ich habe vollkommen ungeplant mit einem Freund eine Flasche Whisky geleert und bin mit seiner Frau wie wild zu "Schwule Mädchen" von Fettes Brot durch die Bude gehopst. Das war geil. Es war an irgendeinem Tag X, ich weiß es nicht mehr genau (Stichwort Whisky, anfangs war die Flasche noch voll). Ich habe in der Folge den Spruch "Ab drei is ne Party" geprägt. Das war besser als jedes Silvester.
Ich halte auch nichts von Vorsätzen. Jedenfalls nichts von den Klassikern, die jetzt wieder viele - am liebsten mit Bleistift, mindestens mental - auf ihre Listen setzen. Sie fassen Vorsätze wie Abnehmen, mehr oder überhaupt Sport machen, Alkohol und Rauchen sein lassen usw. Im Fernsehen und Radio dudeln schon die Werbeversprechen für all jene, die (alles) auch dieses Jahr mal wieder viel besser machen wollen als letztes - es werden Abnehm-, Raucherentwöhnungs- und Fitnesssteigerungsversprechen gegeben. Kann mir auch alles am Arsch vorbeigehen.
Frei vom Willen, ein paar Sachen besser zu machen bin ich natürlich auch nicht. Nur will ich nicht permanent meinen Körper, meine Ernährung, meinen Bewegungsdrang, meinen Kontostand oder oder oder optimieren. Etwas verbessern kann man ja immer. Ich könnte zum Beispiel weniger Plastemüll verursachen. Ich könnte weniger Geld für Bücher ausgeben und mehr in die Bibliothek gehen. Ich könnte mehr Bio-Produkte konsumieren. Ich könnte härter daran arbeiten, den Planeten gesünder zu machen. Ich könnte viel.** Meistens fällt mir sowas an irgendeinem anderen der 365 Tage ein und meistens richte ich mich dann danach - wenn ich Bock drauf habe. Wenn nicht, auch egal. Denn im Grunde muss ich einen Scheiß!
In diesem Sinne: Einen guten Start in viele neue Tage!
* Wenn mir nochmal jemand sagt, ich würde immer dünner, dann fresse ich ihn auf.
** Ich könnte es auch lassen.
* Wenn mir nochmal jemand sagt, ich würde immer dünner, dann fresse ich ihn auf.
** Ich könnte es auch lassen.
Donnerstag, 17. August 2017
Kleine Last auf den Schultern
Nur er und ich. Okay. Gerade haben wir zusammen eine Feier besucht. Auch okay. Nun wollen wir den Weg zurück gemeinsam gehen. Allein. Nur wir zwei. Sehr okay. Er könnte mein Sohn sein.
Er ist mein Neffe. In wenigen Tagen wird er drei. Die Feier war die Geburtstagsfeier seiner Oma, meiner Mutter. Ich kenne seinen Gesichtsausdruck von Schwarzweißfotos auf denen mein ältester Bruder, sein Vater, zu sehen ist und irgendwie fühlt sich das Zusammensein mit ihm wie verkehrte Welt in schön an.
Der Weg zurück ist locker zwei bis drei Kilometer lang. Dass drei Spielplätze auf dem Weg liegen, ist Anreiz genug. Anreiz für die ersten Schritte. Schnell wird er fußlahm und will getragen werden. „Auf der Schulter so wie bei Papa“, sagt er. „Hm, aber ich bin nicht dein Papa“, sage ich. „Weiß ich“, meint er. „Was ich damit sagen wollte: Ich glaube, ich habe die Kraft dafür nicht“, beende ich meine Rede. „Auf der Schulter so wie Papa“, wiederholt das Kind. Ich versuche es. Was wiegt so ein Kind von fast drei Jahren? 30, 40 Kilo? Könnte hinkommen, so fühlt es sich jedenfalls an.
Ich kriege ihn nicht gehoben, jedenfalls nicht bis rauf auf meine Schultern. „Musst du runter kommen“, rät er. Mache ich und gehe ganz tief in die Hocke. Er klettert auf meine Schultern und ich stemme uns einer rumänischen Gewichtheberin gleich in den aufrechten Stand. Ich laufe los.
Spielplatz. Am Klettergerüst ist der Abstieg leicht. Wir schaukeln, rutschen, machen, tun. Auf dem Spielplatz sind noch andere. Das kleine Mädchen hat nicht begriffen, dass die Schwester zwar „Anna-Lena“ heißt, aber doch nur eine Person ist. „Mammahhh, Anna-Lena sind schon wieder auf der Rutsche“, krächzt das Kind seiner Erziehungsberechtigten entgegen. Die ist in Handy und Zigarette vertieft und Singular und Plural sind vermutlich eh nicht ihr Interessengebiet. „Anna-Lena sollen das doch nicht“, mahnt das Kind. „Mammahhh“ zuckt nicht.
Den Neffen scheint es noch mehr zu nerven als mich. „Weiter“, befiehlt das Kind und streckt die Ärmchen aus, ihn doch wieder auf die Schulter zu nehmen. „Klettergerüst!“, sage ich. Er nickt. Er hat verstanden. Weiter gehen wir.
Spielplatz. „Da ist ja gar keine Rutsche“, schnauft das Kind auf meinen Schultern, „das macht mich traurig.“ Ob wir denn dann überhaupt anhalten müssen, frage ich ihn. „Nee“, meint er, „ich bin immer noch traurig darüber.“ Ich habe ein schlechtes Gewissen.
Ich trotte weiter, immer weiter geradeaus, den Blick stoisch nach vorn gerichtet. Er hält mir die Haare aus der Stirn, damit ich gucken kann. „Haare aus dem Gesicht halten ist wichtig“, sage ich, „falls mal deine Schwester oder deine Freundin nach einer wilden Party oder so kotzt, hilfst du so am meisten.“ „Ja, weiß ich“, sagt er.
Er will anderes besprechen. „Guck mal, da hinten war ein Hund“, sagt er und ich merke, wie sich der kleine Körper auf meinen Schultern in die der Laufrichtung entgegengesetzte Richtung verschraubt. „Hm, will ich jetzt nicht gucken“, murre ich. Das Kind wird seit mindestens 800 Meter extrem schwer. Ich will nur noch ankommen. „Guck mal, da hinten war ein Fluss, ein großer!“, freut sich das Kind und verschraubt sich wieder. „Ich kenne mich hier aus. Hier ist kein großer Fluss“, sage ich. Das Kind schnaubt ein genervtes „pfffffffff“. „Guck mal, da ist wieder ein Hund“, verschrauben sich die 50 Kilo auf meiner Schulter nach hinten. Ich drehe mich auch nach hinten. „Jetzt is er weg“, bedauert das Kind. „Ich sehe ihn“, sage ich und drehe mich wieder um. „Ich auch“, frohlockt er jetzt.
Springbrunnen hier, Hund da, Mensch dort, Ball drüben. Wieder und wieder drehen wir uns. Bis zum dritten Spielplatz. Da haben Jugendliche auf einer bunten Sitz- und Spielgruppe ein paar Alkopops so aufgedreht wie ihre Musik. Über ihren Lärm und ihr „Gesaufe“ beschwert sich immer wieder mal wer in der Nachbarschaft und im Internet. Mein Neffe steigt von meinen Schultern, nimmt eine Partie auf der Rutsche und geht rüber zu den Jugendlichen. „Ich geh zu den Jungs“, schreit er noch quer über den Platz während ich den Gehweg nehme. Er setzt sich zu den Jungs und sagt:„Hallo!“ Die Jungs gucken. Nach mir, der Frau, die nichts macht, nichts sagt, das Kind nicht holt. „Hallo!“, wiederholt der Kleine. „Hallo“, nuschelt wer zurück. Die Musik wird leise gedreht, die Flaschen beiseite geräumt. Der Kleine nickt zufrieden. Als wäre er hier der Blockwart. Er steht auf und geht, winkt den Jungs und die winken zurück, er kommt zu mir auf den Weg. „Nochmal auf die Schultern?“, frage ich und gehe schon in die Hocke. „Nee“, winkt der Junior ab, „aber nich traurig werden“. Meine Schultern hängen noch schwerer. Das Kind wird größer.
Er ist mein Neffe. In wenigen Tagen wird er drei. Die Feier war die Geburtstagsfeier seiner Oma, meiner Mutter. Ich kenne seinen Gesichtsausdruck von Schwarzweißfotos auf denen mein ältester Bruder, sein Vater, zu sehen ist und irgendwie fühlt sich das Zusammensein mit ihm wie verkehrte Welt in schön an.
Der Weg zurück ist locker zwei bis drei Kilometer lang. Dass drei Spielplätze auf dem Weg liegen, ist Anreiz genug. Anreiz für die ersten Schritte. Schnell wird er fußlahm und will getragen werden. „Auf der Schulter so wie bei Papa“, sagt er. „Hm, aber ich bin nicht dein Papa“, sage ich. „Weiß ich“, meint er. „Was ich damit sagen wollte: Ich glaube, ich habe die Kraft dafür nicht“, beende ich meine Rede. „Auf der Schulter so wie Papa“, wiederholt das Kind. Ich versuche es. Was wiegt so ein Kind von fast drei Jahren? 30, 40 Kilo? Könnte hinkommen, so fühlt es sich jedenfalls an.
Ich kriege ihn nicht gehoben, jedenfalls nicht bis rauf auf meine Schultern. „Musst du runter kommen“, rät er. Mache ich und gehe ganz tief in die Hocke. Er klettert auf meine Schultern und ich stemme uns einer rumänischen Gewichtheberin gleich in den aufrechten Stand. Ich laufe los.
Spielplatz. Am Klettergerüst ist der Abstieg leicht. Wir schaukeln, rutschen, machen, tun. Auf dem Spielplatz sind noch andere. Das kleine Mädchen hat nicht begriffen, dass die Schwester zwar „Anna-Lena“ heißt, aber doch nur eine Person ist. „Mammahhh, Anna-Lena sind schon wieder auf der Rutsche“, krächzt das Kind seiner Erziehungsberechtigten entgegen. Die ist in Handy und Zigarette vertieft und Singular und Plural sind vermutlich eh nicht ihr Interessengebiet. „Anna-Lena sollen das doch nicht“, mahnt das Kind. „Mammahhh“ zuckt nicht.
Den Neffen scheint es noch mehr zu nerven als mich. „Weiter“, befiehlt das Kind und streckt die Ärmchen aus, ihn doch wieder auf die Schulter zu nehmen. „Klettergerüst!“, sage ich. Er nickt. Er hat verstanden. Weiter gehen wir.
Spielplatz. „Da ist ja gar keine Rutsche“, schnauft das Kind auf meinen Schultern, „das macht mich traurig.“ Ob wir denn dann überhaupt anhalten müssen, frage ich ihn. „Nee“, meint er, „ich bin immer noch traurig darüber.“ Ich habe ein schlechtes Gewissen.
Ich trotte weiter, immer weiter geradeaus, den Blick stoisch nach vorn gerichtet. Er hält mir die Haare aus der Stirn, damit ich gucken kann. „Haare aus dem Gesicht halten ist wichtig“, sage ich, „falls mal deine Schwester oder deine Freundin nach einer wilden Party oder so kotzt, hilfst du so am meisten.“ „Ja, weiß ich“, sagt er.
Er will anderes besprechen. „Guck mal, da hinten war ein Hund“, sagt er und ich merke, wie sich der kleine Körper auf meinen Schultern in die der Laufrichtung entgegengesetzte Richtung verschraubt. „Hm, will ich jetzt nicht gucken“, murre ich. Das Kind wird seit mindestens 800 Meter extrem schwer. Ich will nur noch ankommen. „Guck mal, da hinten war ein Fluss, ein großer!“, freut sich das Kind und verschraubt sich wieder. „Ich kenne mich hier aus. Hier ist kein großer Fluss“, sage ich. Das Kind schnaubt ein genervtes „pfffffffff“. „Guck mal, da ist wieder ein Hund“, verschrauben sich die 50 Kilo auf meiner Schulter nach hinten. Ich drehe mich auch nach hinten. „Jetzt is er weg“, bedauert das Kind. „Ich sehe ihn“, sage ich und drehe mich wieder um. „Ich auch“, frohlockt er jetzt.
Springbrunnen hier, Hund da, Mensch dort, Ball drüben. Wieder und wieder drehen wir uns. Bis zum dritten Spielplatz. Da haben Jugendliche auf einer bunten Sitz- und Spielgruppe ein paar Alkopops so aufgedreht wie ihre Musik. Über ihren Lärm und ihr „Gesaufe“ beschwert sich immer wieder mal wer in der Nachbarschaft und im Internet. Mein Neffe steigt von meinen Schultern, nimmt eine Partie auf der Rutsche und geht rüber zu den Jugendlichen. „Ich geh zu den Jungs“, schreit er noch quer über den Platz während ich den Gehweg nehme. Er setzt sich zu den Jungs und sagt:„Hallo!“ Die Jungs gucken. Nach mir, der Frau, die nichts macht, nichts sagt, das Kind nicht holt. „Hallo!“, wiederholt der Kleine. „Hallo“, nuschelt wer zurück. Die Musik wird leise gedreht, die Flaschen beiseite geräumt. Der Kleine nickt zufrieden. Als wäre er hier der Blockwart. Er steht auf und geht, winkt den Jungs und die winken zurück, er kommt zu mir auf den Weg. „Nochmal auf die Schultern?“, frage ich und gehe schon in die Hocke. „Nee“, winkt der Junior ab, „aber nich traurig werden“. Meine Schultern hängen noch schwerer. Das Kind wird größer.
Sonntag, 16. Juli 2017
Werbeunterbrechung
Es sind nur 27 Sekunden. Ich finde sie schlimm, mich stresst das schon beim Zusehen. Das Ganze ist Werbung für eine Süßigkeit, die man - Werbung wirkt wohl doch - normalerweise morgens halb zehn in Deutschland zum Frühstückchen konsumiert. Davon ist diesmal nix zu hören. Dafür singt ein Junge im Alter von vielleicht zehn Jahren von seinem Alltag zwischen Schule, Musikunterricht, Sport, wieder Schule, wieder Sport. Die Musik ist schnell und alles wirkt dadurch noch stressiger. Und mittendrin gibt es für ihn "einfach mal 'ne Pause", wie er sehnsüchtig von einer "Auszeit" singt. Die Musik wird dafür kurz langsamer, nimmt dann wieder Fahrt auf - genau wie der Junge - und zackig ist die Werbung vorbei. Seht hier selbst.
Erwachsene sind gestresst. Okay. Das ist oft genug ein Einfluss von außen, oft genug selbst verschuldet und dass es so oder so negative Folgen für die Gesundheit hat, ist ja klar. Ein voller Terminkalender sei noch lange kein erfülltes Leben, soll Tucholsky gesagt haben. Stress ist für Erwachsene also ziemlich blöd. Dass aber nun die Lebenswirklichkeit von Kindern ebenfalls als so "ausgefüllter" Terminkalender dargestellt und damit leider viel Wahres gesagt wird, ist doch ziemlich scheiße.
Kinder haben volle und richtig lange Schultage, kommen damit häufig schon auf eine 40-Stunden-Woche. Ein Hobby ist sicher toll, aber oft genug haben selbst Kinder so viel Freizeitstress, dass sie jeden Tag nach der Schule und am Wochenende noch einen Termin einzuhalten haben. Sie haben genau wie Erwachsene immer was zu tun und eilen von einer Verpflichtung zur nächsten. Kein Wunder, dass der Junge sehnsüchtig von einer Pause singt. Und in dieser "Pause" sitzt er auch nur da und mampft eine Süßigkeit. Warum das nicht gut ist, steht auf einem anderen Blatt.
Ich fürchte: Wenn der Junge groß ist, wird das Wort "Müßiggang" vielleicht gar nicht mehr im Duden stehen - weil niemand mehr damit was anzufangen weiß. Oder das schöne Wort wird endgültig als "abwertend" deklariert sein. Genau wie "Faulenzen" oder "Nichtstun", dabei ist das das schönste Gefühl der Welt. Wir verlernen, einfach mal zu sein und nichts weiter als genau das zu tun. Und jetzt wird in der Werbung auch noch gefeiert, dass das schon bei Kindern so ist. Traurige Aussichten sind das. Oder? Astrid Lindgren, die sich mit Menschen aller Altersklassen auskannte, soll mal gesagt haben: "Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen." Zeit wird's mal wieder ...
Donnerstag, 22. Juni 2017
Nicht anfassen
Ich liege auf dem Bett eines Hotelzimmers und zappe durch das spärliche Angebot von Programmen in deutscher Sprache, weil ich Spanisch leider nicht kann. Und so muss ich mit ansehen, dass Lena Meyer-Landrut Moses Pelham umarmt. Oder ist es andersrum? Umarmt er sie? Keine Ahnung. Auf jeden Fall liegen sie sich in den Armen. Moses Pelham knuddelt Lena Meyer-Landrut. Das ist ein bisschen, als würde Farin Urlaub Helene Fischer herzen. Oder Angela Merkel Frauke Petry. Irgendwie muss es am Konzept der Sendung liegen. Der eine singt ein Lied des anderen Sängers. Und dann sind die scheinbar immer alle ganz gerührt und dann müssen die sich umarmen, auch wenn Lena Meyer-Landrut aus dem zornigen und kraftstrotzenden "Du liebst mich nicht" einen Helene-Fischer-Schlager gemacht hat und Moses Pelham jetzt eigentlich Sabrina Setlur anrufen müsste, um Frau Songcontest in Rödelheim in eine dunkle Ecke zu locken und ihr dort eine zu wamsen.
Zwei Tage später reist ein Paar aus dem Hotel ab. Es herzt und drückt andere Gäste, Küsschen links und rechts, Herzherzknuddel. Als wären sie die besten Freunde. Zuvor hat das Paar ein, zwei Abende mit zwei anderen Paaren auf der Terrasse verbracht und man hat gemeinsam getrunken, was das All-inclusive-Paket so hergab. Beim Frühstück hieß es, man wolle noch Adressen und Telefonnummern austauschen. Dann hat die eine Frau ihre Telefonnummer leider "haha, ich hab richtig Urlaubslaune" vergessen und die andere Frau hatte gerade keinen Stift und auch "haha, es ist doch Urlaub" keine Lust, sich einen Stift an der Rezeption zu holen. Und die dritte Frau insistierte auch nicht. Aus dem Adresstausch wurde nix. Man will sich also eigentlich bloß nicht wieder, nicht mal postalisch begegnen - aber Hauptsache, man hat sich gedrückt, dass sich der Schweiß ordentlich vermischte. Weil man das so macht.
Herzherzknuddelpfui
Man umarmt sich eben. Gehört sich jetzt wohl so. Alle umarmen alle. Menschen, die sich keine fünf Minuten Lebenszeit kennen, umarmen sich. Menschen, die sich - aus gutem Grund - nur einmal im Vierteljahr oder nicht mal das sehen wollen, umarmen sich. Menschen, die unabhängig voneinander befragt eher übereinander lästern als sich wertzuschätzen, umarmen sich. Wenn man zu einer Party kommt und erst recht, wenn man diese wieder verlässt: Umarmung, auch wenn man sich nur mal zugeprostet hat. Geburtstag - auch, wenn man im ganzen Leben noch keine fünf Minuten mit dem Geburtstagskind geredet hat -: Umarmung. Man weiß nix übereinander, drückt sich aber. Die ganz Harten umarmen alles und jeden bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Umarmenumarmenumarmen ... drückdrückdrück ... Bussibussi ... Schmatz
Hab ich was verpasst? Bin ich verklemmt? Vor ein paar Jahren war es noch üblich, den
anderen einfach einen schönen Tag zu wünschen - oft sogar ohne Handschlag, alles so ganz ohne Körperkontakt. Zum Geburtstag gab man die Hand und gratulierte.
Umarmen und Küsschen war für Familie, enge und langjährige Freunde sowie den Partner oder ein Ausdruck eines besonderen Moments. Man ging sparsam damit um. Das eigene Hautpflegeprogramm verteilte man nicht durchs Herzen wahllos auf allen möglichen anderen Wangen. Nicht jeder tastete einen ab. Man presste sich nur an Körper, deren Besitzer man extrem mochte. Man hielt sich ansonsten fern voneinander, was ja nicht gleich ein Zeichen von Unsympathie war. So legte man noch Wert auf die Schutzzone des eigenen Körpers, da durfte nicht jeder rein. Insgesamt war das alles vollkommen okay so.
Heute wird man schief angesehen, wenn man bei der Art Gruppenkuscheln nicht mitmacht - als wäre man ein autistischer Sozialphobiker. Ich weiß nicht, wann und vor allem warum das Umarmen und Bussibussigetue so inflationär geworden ist. Umarmen ist kein Zeichen von aufrichtiger Zuneigung mehr, sondern zu einer belanglosen Floskel geworden. So wie man "Wie geht's?" sagt und es nicht wirklich wissen will, umarmt man sich heutzutage eben. Was kommt als nächstes? Zungenküsse zur Begrüßung für den flüchtigen Bekannten? Kniffe in die Pobacken zum Abschied für den Zuproster auf der Party? Und sitzen sich Freunde dann künftig gegenseitig auf dem Schoß und tätscheln sich permanent den Kopf? Irgendwie muss man sich in Zeiten der Inflation ja noch steigern...
Dienstag, 30. Mai 2017
Alles neu
Neuerdings schauen die Menschen in den Gelben Seiten nach, wenn sie etwas suchen.
Neuerdings googeln die Menschen, wenn sie etwas wissen wollen.
Neuerdings sprechen die Menschen Probleme direkt bei dem an, der sie verursacht hat oder sie lösen könnte.
Neuerdings atmen die Menschen erstmal durch, bevor sie etwas äußern.
Neuerdings wissen die Menschen, dass ihre Meinung nicht zu allem gefragt ist.
Neuerdings kommentieren die Menschen nicht alles.
Neuerdings tolerieren die Menschen andere Meinungen.
Neuerdings setzen die Menschen auf Fakten und akzeptieren diese.
Neuerdings halten sich die Menschen an Orthographie und Interpunktion.
Neuerdings regen sich die Menschen erst auf, wenn es wirklich was zum Aufregen gibt.
Neuerdings sind die Menschen einfach mal still, wenn sie keine Ahnung haben.
Neuerdings glauben die Menschen (wieder) an das Gute und wittern nicht überall Verschwörung.
Neuerdings erfreuen sich Menschen an schönen Momenten und fotografieren sie nicht.
Neuerdings reden die Menschen miteinander statt übereinander.
Neuerdings greifen die Menschen zum Telefonhörer und nicht zur Tastatur.
Neuerdings chatten Freunde nicht, sondern verbringen Zeit miteinander.
Neuerdings gestalten sich Gespräche mit Gesichtern und ohne Emojis.
Neuerdings beginnt es mit einem Hallo von Mensch zu Mensch.
Neuerdings ist Ruhe im Internet.
Neuerdings googeln die Menschen, wenn sie etwas wissen wollen.
Neuerdings sprechen die Menschen Probleme direkt bei dem an, der sie verursacht hat oder sie lösen könnte.
Neuerdings atmen die Menschen erstmal durch, bevor sie etwas äußern.
Neuerdings wissen die Menschen, dass ihre Meinung nicht zu allem gefragt ist.
Neuerdings kommentieren die Menschen nicht alles.
Neuerdings tolerieren die Menschen andere Meinungen.
Neuerdings setzen die Menschen auf Fakten und akzeptieren diese.
Neuerdings halten sich die Menschen an Orthographie und Interpunktion.
Neuerdings regen sich die Menschen erst auf, wenn es wirklich was zum Aufregen gibt.
Neuerdings sind die Menschen einfach mal still, wenn sie keine Ahnung haben.
Neuerdings glauben die Menschen (wieder) an das Gute und wittern nicht überall Verschwörung.
Neuerdings erfreuen sich Menschen an schönen Momenten und fotografieren sie nicht.
Neuerdings reden die Menschen miteinander statt übereinander.
Neuerdings greifen die Menschen zum Telefonhörer und nicht zur Tastatur.
Neuerdings chatten Freunde nicht, sondern verbringen Zeit miteinander.
Neuerdings gestalten sich Gespräche mit Gesichtern und ohne Emojis.
Neuerdings beginnt es mit einem Hallo von Mensch zu Mensch.
Neuerdings ist Ruhe im Internet.
Sonntag, 30. April 2017
Kluges Mädchen
Sie ist fünf Jahre alt. Sie hat einen Grad an Selbstbewusstsein und Schläue erreicht, der die Tante (mich) von Tag zu Tag unbesorgter sein lässt. Gut, okay, meine Nichte trägt Leggings in zweifelhafter Aufmachung voller Motive aus dem Disney-Streifen "Die Eiskönigin" und auch sonst viel Pinklilaglitzerfirlefanz, den sie noch dazu drei- bis fünfmal täglich per Umziehorgie wechselt - was ihr hoffentlich alles noch ausgetrieben werden kann, sich von selbst ergibt und/oder dann später wenigstens ordentlich peinlich ist. Aber ansonsten hat sie echt den Durchblick!
Wofür "Sex and the City" fast 100 Folgen und noch Kinoabklatsche brauchte, wofür ganze Ratgeberregale gefüllt werden, wofür fast jede sogenannte "romantische Kömödie" 90 Minuten und eine gefühlte Ewigkeit länger braucht, hat meine Nichte einen einfachen Test gefunden. Die Suche nach dem Mann fürs Leben ist mit diesem Test, diesem Weitblick, dieser Konsequenz und vielleicht auch einer Portion Ignoranz eine Leichtigkeit. Zumindest kann man einen bestimmten Typ "Mann" per Test von vornherein ausschließen - die Schwuppe. Schwuppen sind Wesen, die als Mann gezählt werden, dafür aber eindeutig zu wenig Testikelpower haben (eine genauere Definition findet sich hier).
Es ist ganz einfach ...
Meine Nichte sagt, dass sie einen Mann heiraten wird, der gerne Äpfel isst. Und zwar ungeschälte Äpfel. Denn unter der Schale, doziert sie, stecken die Vitamine. Schön, meine Nichte sorgt sich um das Wohlergehen ihrer Mitmenschen und besonders um das Wohlergehen ihres Partners, das allein ist schon gut. Zudem, so referiert sie weiter und rollt dabei mit ihren großen Kulleraugen, kann man einfach keinen Mann heiraten, der sich einen Apfel - so er ihn denn überhaupt isst - von seiner Mama schälen lässt! Nein, das geht gar nicht! Recht hat sie. Ein Kerl(chen) mit so wenig Biss, dass die Schale eines Apfels schon zu viel ist und ein Wesen, das - noch dazu - beim Entfernen selbiger auf die Hilfe seiner Mutter setzt, ist kein partnerwürdiger Kandidat. Das ist, als würde Muddi die Rinde vom Brot abschneiden ...
Gut. Okay. Jungs im Alter meiner Nichte sind freilich noch in einem Alter, in dem man(n) sich von seiner Mama helfen lassen darf. Doch die Grundidee meiner Nichte stimmt, zumindest stimmt sie mich im Kontext ihres weiteren Verhaltens zuversichtlich in Sachen ihrer (!) Zukunft. Meine Nichte hat nun diverse Kumpels aus dem Kindergarten eingehend unter dieser Prämisse betrachtet und ist zu dem Schluss gekommen, dass sie Kevin* heiraten wird. Kevin** ist Äpfel mit Schale und beißt beherzt hinein. Der Rest der Kindergartenjungs ist durchs Raster gefallen ... was hoffentlich nicht heißt, dass da eine ganze Generation Schwuppen heranwächst!
* So, aha, hm, Kevin also ... ein Schelm, wer da über den Zusammenhang von Intellekt seiner Eltern und Namensgebung nachdenkt. Und gerade im Kontext dessen, dass seine Mama mal eine Schönheitskönigin war und ihr Heil in Thermomix, Kitchenaid und Eismaschine sucht, ist Kevin vielleicht auch nicht die optimale Wahl. Zumindest nicht eingedenk der Tatsache, dass frau ja immer auch die Familie irgendwie mitheiratet ... da kann ich nicht aus der Tantenhaut, da kommen Mutterinstinkte hoch. Kevin heiraten zu wollen wird ihr vielleicht noch ausgetrieben, ergibt sich von selbst und/oder ist ihr später wenigstens ordentlich peinlich.
** Name geändert, ist aber ungefähr so schlimm wie das Original.
Sonntag, 8. Januar 2017
Männer?! Irgendwelche Männer hier?
Immer häufiger rotiert mir diese Songzeile durch den Kopf "Ich seh so viele Männer und so wenig Eier". Mir gegenüber sitzt oder steht etwas, das im Zensus als Mann vermerkt wird. Und ich denke nur "Ich seh so viele Männer und so wenig Eier."
Weil es im Personalausweis steht, ist man männlich, ist man dann ein Mann? Nee. Oder? Was zur Hölle ist hier los? Ich bin so ein bisschen verzweifelt. Ich weiß nicht, woran das liegt, dass ich immer diese Songzeile denken muss. Ich seh so viele Männer und so wenig Eier. Liegt es an den Hormonen im Trinkwasser? Oder warum sind die Männer weg? Ich sehe kaum noch echte.
Ich sehe sogenannte "Männer" ... Im offensichtlichsten Falle tragen sie viel zu enge Hosen. Ja, "Männer" tragen Röhrenjeans. Sie zupfen sich die Augenbrauen. Oft sind ja die Augenbrauen das einzige, was in diesen bubihaften Gesichtern noch wächst. Bartwuchs haben die ja nicht mehr, vom "Dreitagebart", den die Ärzte besungen haben ganz zu schweigen. Oft sieht Frau dann schon: Der Kerl mir gegenüber ist einfach "schwuppe" - so nennt es eine Freundin, die definitiv mehr Eier in der Hose hat als die meisten dieser sogenannten Kerle. Lest hier mehr von ihr. Möge ihr Lebens- und Liebesweg gepflastert sein mit echten Männern, ich wünsche es ihr.
Aber ich bin in Sorge. Es gibt einfach zu viele Schwuppis. Und das Äußerliche ist es nicht mal, es ist ihr Innerstes - doch merke: Inhalt und Form gehen da meist Hand in Hand eines kraftlosen Seins. Sie sind so wischiwaschi wie ihr Händedruck. Kein Arsch in der Hose. Entscheidungen treffen sie nicht, die lamentieren und labbern, bis eine mit Eiern in der Hose kommt, die Lage schnell beurteilt und kurzen Prozess macht.
Wollen die Schwuppis witzig sein, zitieren sie andere. Sie haben eben keinen eigenen Witz. Sie haben keinen Biss, keinen Kampfgeist, kein Durchhaltevermögen, keine eigene Meinung und sie haben keine Haltung - in keiner Lebensfrage, in keiner Lebenslage. Ich will ja nicht sagen, dass sie wie ein Schluck Wasser in der Kurve wirken. Es ist mehr so ein Sitzsack. Formlos irgendwie, kein Rückgrat. So stehen und sitzen sie mir und anderen Frauen gegenüber. Ein Kick von uns und wir haben dem Sitzsack nach unserem Geschmack Form gegeben. Wie langweilig kann man(n) sein ... Ich halte es übrigens auch für ein Gerücht, dass solche "Männer" Geschlechtsverkehr haben, egal wie oft sie es betonen - jedenfalls haben sie den nicht mit echten Frauen. Diese "Männer" haben doch Schiss vorm weiblichen Alphatier, der Alphapussy.
Aber Herrenwitze machen sie, um die klein zu halten, denen sie nicht gewachsen sind. Diese Art "Männer" ist obendrein hinterfotzig. Vor allem Frauen gegenüber, die es im Gegensatz zu ihnen einfach drauf haben. Diese "Männer" scheuen Konfrontation und klare Worte, die ducken sich, die mucken nicht. Die pullern niemals gegen den Wind. Unsereins pinkelt ja sogar noch gegen den Gegenwind.
Ist das alles der Preis für die Emanzipation? Hat Alice uns das eingebrockt? Liegt es daran, dass man meinem Geschlecht den "Girls Day" zur Berufsorientierung gab und es erst später einen Tag extra für Jungs gab? Na gut. Vielleicht liegt es auch an Frauen wie mir. Frauen wie mich nennt so ein "Mann" dann "Mannsweib" und sagt, dass ich Haare auf den Zähnen habe. Muss ich ja auch. Aber was kann ich dafür, dass die Gegenpartei ihren Job einfach nicht richtig macht?
Weil es im Personalausweis steht, ist man männlich, ist man dann ein Mann? Nee. Oder? Was zur Hölle ist hier los? Ich bin so ein bisschen verzweifelt. Ich weiß nicht, woran das liegt, dass ich immer diese Songzeile denken muss. Ich seh so viele Männer und so wenig Eier. Liegt es an den Hormonen im Trinkwasser? Oder warum sind die Männer weg? Ich sehe kaum noch echte.
Ich sehe sogenannte "Männer" ... Im offensichtlichsten Falle tragen sie viel zu enge Hosen. Ja, "Männer" tragen Röhrenjeans. Sie zupfen sich die Augenbrauen. Oft sind ja die Augenbrauen das einzige, was in diesen bubihaften Gesichtern noch wächst. Bartwuchs haben die ja nicht mehr, vom "Dreitagebart", den die Ärzte besungen haben ganz zu schweigen. Oft sieht Frau dann schon: Der Kerl mir gegenüber ist einfach "schwuppe" - so nennt es eine Freundin, die definitiv mehr Eier in der Hose hat als die meisten dieser sogenannten Kerle. Lest hier mehr von ihr. Möge ihr Lebens- und Liebesweg gepflastert sein mit echten Männern, ich wünsche es ihr.
Aber ich bin in Sorge. Es gibt einfach zu viele Schwuppis. Und das Äußerliche ist es nicht mal, es ist ihr Innerstes - doch merke: Inhalt und Form gehen da meist Hand in Hand eines kraftlosen Seins. Sie sind so wischiwaschi wie ihr Händedruck. Kein Arsch in der Hose. Entscheidungen treffen sie nicht, die lamentieren und labbern, bis eine mit Eiern in der Hose kommt, die Lage schnell beurteilt und kurzen Prozess macht.
Wollen die Schwuppis witzig sein, zitieren sie andere. Sie haben eben keinen eigenen Witz. Sie haben keinen Biss, keinen Kampfgeist, kein Durchhaltevermögen, keine eigene Meinung und sie haben keine Haltung - in keiner Lebensfrage, in keiner Lebenslage. Ich will ja nicht sagen, dass sie wie ein Schluck Wasser in der Kurve wirken. Es ist mehr so ein Sitzsack. Formlos irgendwie, kein Rückgrat. So stehen und sitzen sie mir und anderen Frauen gegenüber. Ein Kick von uns und wir haben dem Sitzsack nach unserem Geschmack Form gegeben. Wie langweilig kann man(n) sein ... Ich halte es übrigens auch für ein Gerücht, dass solche "Männer" Geschlechtsverkehr haben, egal wie oft sie es betonen - jedenfalls haben sie den nicht mit echten Frauen. Diese "Männer" haben doch Schiss vorm weiblichen Alphatier, der Alphapussy.
Aber Herrenwitze machen sie, um die klein zu halten, denen sie nicht gewachsen sind. Diese Art "Männer" ist obendrein hinterfotzig. Vor allem Frauen gegenüber, die es im Gegensatz zu ihnen einfach drauf haben. Diese "Männer" scheuen Konfrontation und klare Worte, die ducken sich, die mucken nicht. Die pullern niemals gegen den Wind. Unsereins pinkelt ja sogar noch gegen den Gegenwind.
Ist das alles der Preis für die Emanzipation? Hat Alice uns das eingebrockt? Liegt es daran, dass man meinem Geschlecht den "Girls Day" zur Berufsorientierung gab und es erst später einen Tag extra für Jungs gab? Na gut. Vielleicht liegt es auch an Frauen wie mir. Frauen wie mich nennt so ein "Mann" dann "Mannsweib" und sagt, dass ich Haare auf den Zähnen habe. Muss ich ja auch. Aber was kann ich dafür, dass die Gegenpartei ihren Job einfach nicht richtig macht?
Sonntag, 13. November 2016
Nackige Affen
Es ist so verdammt heiß. Ich kann nicht anders.
In kleinen Tropfen rinnt der Schweiß von meinem Nacken über mein nacktes Schlüsselbein, verfehlt den Nippel meiner linken Brust nur knapp, gleitet die Rundung entlang weiter, perlt über den Bauch, verschwindet zwischen meinen Schenkeln ...
In kleinen Tropfen rinnt der Schweiß von meinem Nacken über mein nacktes Schlüsselbein, verfehlt den Nippel meiner linken Brust nur knapp, gleitet die Rundung entlang weiter, perlt über den Bauch, verschwindet zwischen meinen Schenkeln ...
... und schlägt auf meinem linken Fuß auf, wo er sich zwischen all die anderen Tropfen mischt. Ein Glühen.
Warme Füße, richtig warme Füße. Damit hatte ich erst mit meinem Einzug in die Hölle gerechnet. Nun habe ich ein anderes Mittel entdeckt. Es nennt sich Sauna. Da sitze ich.
Ich soll mich hier entspannen.
Ich fussele irgendwie. Oder das Handtuch, mit dem ich mein Gesicht abtupfe. Einer von uns beiden fusselt.
Na. Irgendwas ist ja immer.
Ich soll mich hier entspannen.
Immer schön entspannen...
Ich soll mich entspannen. Los! Jetzt!
Ich teile mir die heiße Kabine mit drei Herren. Die sind zusammen hier, die haben auch drei Ruheliegen direkt nebeneinander in Beschlag genommen. Als ich mir nach dem Abduschen noch ein heißes Fußbad genehmigte, verschwanden sie in der Sauna.
Als ich den Holzverschlag betrat, waren die drei Sanduhren an der Wand, die den Saunagängern die als ideal verstandenen 15 Minuten verinnende Zeit bezeugen sollen alle umgedreht und krümelten so vor sich hin. "Macht Sinn, alle Uhren zu benutzen, wenn man so zu dritt zeitgleich eine Sauna betritt", dachte ich, nahm mein Handtuch ab, breitete es aus und platzierte meinen Hintern drauf.
So sitze ich also hier. Ich schwitze. Sie schwitzen. Wir alle schwitzen. Wir alle sitzen. Das Trio mir gegenüber.
Der Pelzige starrt auf einen Punkt zwischen seinen Füßen. Er tropft und tropft. Mehr macht er nicht.
Der Schrumplige ... nun ja, seines in der Haut versenkten Zeichens ist er der schrumpligste der drei ... starrt den Langen neben sich an. Der räuspert sich. Dann holt er aus. Er hat seine Akten mal wieder sortiert, sagt er. "Was?!", fragt der Schrumplige. Der Lange wendet sich ihm zu und wiederholt. Laut und deutlich. "Was?!", wiederholt daraufhin der Schrumplige.
Der Lange dreht sich wieder zur Mitte und starrt mit zusammen gekniffenen Augen auf die Wand mit den Sanduhren, schiebt das Kinn vor und lässt es enttäuscht sinken. Der Moment der Stille währt kurz.
Er habe während dieser Aufräumaktion interessante Papiere in die Hand bekommen, schildert der Lange. Der Schrumplige starrt ihn von der Seite an. Der Pelzige verdreht die Augen.
1998 hat er für einen Kubikmeter Erdaushub mit Entsorgung und allem Drum und Dran laut Akten umgerechnet 80 Euro bezahlt. "Ich hab das wegen der Anschaulichkeit schon mal umgerechnet", wendet er sich an den Schrumpligen und den Pelzigen - als erwarte er Lob.
Der Schrumplige starrt ihn ohne jede weitere Regung mit großen Augen an. Der Pelzige schüttelt den Kopf. Der Lange kneift die Augen zusammen.
Und fährt fort.
Im Frühjahr habe er nun 220 Euro für die gleiche Leistung bezahlt, verdeutlicht der Lange. "Ich hab das Schwarz auf Weiß, ich weiß, was da dahinter steckt", hebt er seine Stimme noch eines an. "Was?!", fragt der Schrumplige.
"Nee, falsche Frage, bitte nicht!", denke ich.
"Ja, richtig!", jubiliert der Lange aufs "Was?!" hin. Der Pelzige und ich stützen unseren Kopf in beide Hände, blasen die Wangen auf und prusten die Luft aus, dass die Lippen kurz vibrieren.
Also jeweils. Jeder für sich.
"Da ist es mir egal, was die sagen, alles ist teurer geworden. Das habe ich in den Akten", echauffiert sich der Lange. Er hat seinen Oberkörper voll aufgerichtet, das Stimmvolumen nimmt dadurch ein bisschen zu. "Die da bei der EZB haben doch keine Ahnung", wettert der Lange. Der Schrumplige starrt ihm auf den Mund, seine linke Hand knickt sein linkes Ohr noch etwas weiter vor. Der Pelzige sinkt noch eins weiter in sich zusammen.
"Das ist Inflation!", dreht sich der Lange weiter nach rechts dem Schrumpligen und dem Pelzigen zu. Der Zeigefinger seiner rechten Hand ist nach oben gereckt. "Das ist die reine Inflation, ich weiß das! Das ist wie '29. Die können mich nicht für dumm verkaufen!"
"Ja, na klar! Weil du ja ganz offensichtlich damals schon dabei warst, guck dich doch mal an!", denke ich, als ich auf einen seiner Hautlappen mit Pigmentflecken starre. Sogleich wird mir schlecht. Wobei ich nicht weiß, ob ich mich für meine üblen Gedanken schäme oder ob es der Anblick ist, wobei ich mich dann wiederum dafür schämen sollte ...
Gerade als ich hoffe, die Erde möge sich auftun und mich verschlingen, damit ich in der Hölle ewige Ruhe und Entspannung finde, steht der Pelzige auf und geht - wort- und grußlos.
"Is schon so weit?!", fragt der Lange. "Was?!", murmelt der Schrumplige. "Is schon so weit?!", wiederholt der Lange und deutet mit zusammen gekniffenen Augen und einem Nicken gen Sanduhren. "Was?!", fragt der Schrumplige.
"Also meine Zeit ist um!", winkt er einen Atemzug später und geht. "Brillen", hechtet der Lange hinterher, "Brillen sind auch teurer geworden, speziell wenn man so sehschwach ist wie ich. Ich habe da noch Belege und ich habe umgerechnet wegen der Anschaulichkeit, da erkennt ihr es ganz deutlich!"
Warme Füße, richtig warme Füße. Damit hatte ich erst mit meinem Einzug in die Hölle gerechnet. Nun habe ich ein anderes Mittel entdeckt. Es nennt sich Sauna. Da sitze ich.
Ich soll mich hier entspannen.
Ich fussele irgendwie. Oder das Handtuch, mit dem ich mein Gesicht abtupfe. Einer von uns beiden fusselt.
Na. Irgendwas ist ja immer.
Ich soll mich hier entspannen.
Immer schön entspannen...
Ich soll mich entspannen. Los! Jetzt!
Ich teile mir die heiße Kabine mit drei Herren. Die sind zusammen hier, die haben auch drei Ruheliegen direkt nebeneinander in Beschlag genommen. Als ich mir nach dem Abduschen noch ein heißes Fußbad genehmigte, verschwanden sie in der Sauna.
Als ich den Holzverschlag betrat, waren die drei Sanduhren an der Wand, die den Saunagängern die als ideal verstandenen 15 Minuten verinnende Zeit bezeugen sollen alle umgedreht und krümelten so vor sich hin. "Macht Sinn, alle Uhren zu benutzen, wenn man so zu dritt zeitgleich eine Sauna betritt", dachte ich, nahm mein Handtuch ab, breitete es aus und platzierte meinen Hintern drauf.
So sitze ich also hier. Ich schwitze. Sie schwitzen. Wir alle schwitzen. Wir alle sitzen. Das Trio mir gegenüber.
Der Pelzige starrt auf einen Punkt zwischen seinen Füßen. Er tropft und tropft. Mehr macht er nicht.
Der Schrumplige ... nun ja, seines in der Haut versenkten Zeichens ist er der schrumpligste der drei ... starrt den Langen neben sich an. Der räuspert sich. Dann holt er aus. Er hat seine Akten mal wieder sortiert, sagt er. "Was?!", fragt der Schrumplige. Der Lange wendet sich ihm zu und wiederholt. Laut und deutlich. "Was?!", wiederholt daraufhin der Schrumplige.
Der Lange dreht sich wieder zur Mitte und starrt mit zusammen gekniffenen Augen auf die Wand mit den Sanduhren, schiebt das Kinn vor und lässt es enttäuscht sinken. Der Moment der Stille währt kurz.
Er habe während dieser Aufräumaktion interessante Papiere in die Hand bekommen, schildert der Lange. Der Schrumplige starrt ihn von der Seite an. Der Pelzige verdreht die Augen.
1998 hat er für einen Kubikmeter Erdaushub mit Entsorgung und allem Drum und Dran laut Akten umgerechnet 80 Euro bezahlt. "Ich hab das wegen der Anschaulichkeit schon mal umgerechnet", wendet er sich an den Schrumpligen und den Pelzigen - als erwarte er Lob.
Der Schrumplige starrt ihn ohne jede weitere Regung mit großen Augen an. Der Pelzige schüttelt den Kopf. Der Lange kneift die Augen zusammen.
Und fährt fort.
Im Frühjahr habe er nun 220 Euro für die gleiche Leistung bezahlt, verdeutlicht der Lange. "Ich hab das Schwarz auf Weiß, ich weiß, was da dahinter steckt", hebt er seine Stimme noch eines an. "Was?!", fragt der Schrumplige.
"Nee, falsche Frage, bitte nicht!", denke ich.
"Ja, richtig!", jubiliert der Lange aufs "Was?!" hin. Der Pelzige und ich stützen unseren Kopf in beide Hände, blasen die Wangen auf und prusten die Luft aus, dass die Lippen kurz vibrieren.
Also jeweils. Jeder für sich.
"Da ist es mir egal, was die sagen, alles ist teurer geworden. Das habe ich in den Akten", echauffiert sich der Lange. Er hat seinen Oberkörper voll aufgerichtet, das Stimmvolumen nimmt dadurch ein bisschen zu. "Die da bei der EZB haben doch keine Ahnung", wettert der Lange. Der Schrumplige starrt ihm auf den Mund, seine linke Hand knickt sein linkes Ohr noch etwas weiter vor. Der Pelzige sinkt noch eins weiter in sich zusammen.
"Das ist Inflation!", dreht sich der Lange weiter nach rechts dem Schrumpligen und dem Pelzigen zu. Der Zeigefinger seiner rechten Hand ist nach oben gereckt. "Das ist die reine Inflation, ich weiß das! Das ist wie '29. Die können mich nicht für dumm verkaufen!"
"Ja, na klar! Weil du ja ganz offensichtlich damals schon dabei warst, guck dich doch mal an!", denke ich, als ich auf einen seiner Hautlappen mit Pigmentflecken starre. Sogleich wird mir schlecht. Wobei ich nicht weiß, ob ich mich für meine üblen Gedanken schäme oder ob es der Anblick ist, wobei ich mich dann wiederum dafür schämen sollte ...
Gerade als ich hoffe, die Erde möge sich auftun und mich verschlingen, damit ich in der Hölle ewige Ruhe und Entspannung finde, steht der Pelzige auf und geht - wort- und grußlos.
"Is schon so weit?!", fragt der Lange. "Was?!", murmelt der Schrumplige. "Is schon so weit?!", wiederholt der Lange und deutet mit zusammen gekniffenen Augen und einem Nicken gen Sanduhren. "Was?!", fragt der Schrumplige.
"Also meine Zeit ist um!", winkt er einen Atemzug später und geht. "Brillen", hechtet der Lange hinterher, "Brillen sind auch teurer geworden, speziell wenn man so sehschwach ist wie ich. Ich habe da noch Belege und ich habe umgerechnet wegen der Anschaulichkeit, da erkennt ihr es ganz deutlich!"
Dienstag, 18. Oktober 2016
Das schönste Gefühl der Welt
Wohlwollend formuliert: Sie zieht eine Schnute. In Wirklichkeit: Es ist ein Flunsch. Meine kleine Nichte ist vier Jahre alt. Sie sitzt auf einem Stuhl in einer Küche in einem Ort mitten im Nirgendwo Brandenburgs - dieser Ort ist für mich besser bekannt als der schönste Ort auf Erden. Und sie zieht einen Flunsch.
"Ich habe Langeweile", verkündet meine Nichte und zieht damit mal für einen kurzen Moment ihre Mundwinkel nach oben, lässt die Schultern gleichzeitig noch tiefer sinken. Dann flunscht sie weiter. "Das ist doch schön", sagt ihr Vater, mein ältester Bruder. "Genieß es. Du wirst nie wieder Langeweile haben, wenn du erwachsen bist."
Mein Bruder ist der klügste Mann auf Erden, denke ich. Recht hat er ja auch oft. In diesem Fall bestimmt. Ist man erwachsen, kommentiert man vielleicht einige Dinge mit "Laaaaaaangweilig!" und findet einige Dinge auch wirklich langweilig. Diverse Arbeiten auf Arbeit und im Haushalt. Diverse Produktionen im Fernsehen. Einige Bücher. Oder Bücher grundsätzlich. Vielleicht geht man sogar so weit, bestimmte Menschen langweilig zu finden. Oder die eigene Beziehung und/oder das Sexleben. Vielleicht führt man ein langweiliges Leben oder meint, ein langweiliges Leben zu führen. Aber wirkliche echte Langeweile, eine wie meine Nichte sie gerade hat, hat man nicht. Pure Ödnis im eigenen Tun und Denken ist fremd und fern, wenn man erwachsen ist.
Es gibt immer was zu tun. Oder - schlimmer noch - was zu denken. Einfach mal mit einem Flunsch auf einem Küchenstuhl sitzen zu können und die pure Langeweile zu empfinden, das ist uns Erwachsenen nicht mehr vergönnt. Wenn man erwachsen ist, geht man arbeiten und verdient Geld, um Rechnungen und Dinge zu bezahlen, die einem das Leben als Erwachsener so einbrockt oder die man meint als Erwachsener haben zu müssen. Man denkt und denkt und denkt. Man macht und tut, und tut und tut. Macht und tut man mal nicht(s), denkt man über das nach, was man gemacht und getan hat oder noch machen und tun müsste ... und könnte ... oder sollte. Die Wohnung renovieren. Mehr Geld verdienen. Noch ein Projekt anschieben. Die Steuerunterlagen abheften. Den Kleiderschrank ausmisten. Einen Termin vereinbaren. Bei der Autoversicherung sparen. Fix noch Milch kaufen gehen.
Oder man pflegt ein Hobby. Nichtstun zählt für Erwachsene nicht als gutes Hobby. Alles darf aufkommen - bloß keine Langeweile. Man muss irgendwie immer irgendwas tun oder zu tun haben, wenn man erwachsen ist. Sich mit Leuten treffen. Sich unterhalten und unterhalten lassen. Ausgehen. Oder zum Sport. Wellness. Eine Gurkenmaske ist höher angesehen als Langeweile. Man muss was für die eigene Bildung tun. Man muss was gegen das kleine Bäuchlein tun. Einen Tatort sehen, über den am Montag auf Arbeit dann jeder spricht oder sprechen sollte. Man muss im Internet surfen und übellaunige Diskussionen bei Facebook verfolgen. Man muss informiert sein. Oder man meint zu müssen.
Aber niemand gibt zu, dass man sich mal auf den Küchenstuhl setzen, dem Vakuum Raum geben und so richtig Langeweile haben müsste. Es gibt dann nichts zu tun und man hat nichts zu denken. Es ist nichts los. Das schönste Gefühl der Welt.
Freitag, 23. September 2016
Besoffene Räder
Das wäre jetzt alles nur halb so stressig, wenn ich vernünftige Unterhosen tragen würde. „Deine Schlübber geht ja gar nicht mal übern Po“, wird meine vier Jahre alte Nichte in ein paar Tagen mahnen. Noch ahne ich nichts davon.
Es ist Samstag in Brandenburg. Morgens. 5 nach 9. Ich bin allein und sitte das Haus meiner Familie. Bruder, Schwägerin, Neffen und die Nichte mit dem erhobenen Zeigefinger, der auch noch am letzten bisschen Schlübberstoff zupft, sind im Urlaub. Die vergangenen sieben Tage war ich allein und es ist gar nichts passiert.
Also es ist schon was passiert. Die Sonne ging auf und unter. Wolken haben sich übers Blau geschoben. Die Hühner haben draußen im Garten gepickt. Die Katzen haben rumgelegen. Ich hatte im Kern der Sache nicht viel mehr zu tun, als meinen Stoffwechsel zu betreiben. Es ist wirklich nichts passiert.
Auch nicht in diesem meiner Generation so blöde anhaftenden Selbstfindungssinne, bei dem man über sich und das eigene Leben nachdenkt, als gehöre das so pflichtgemäß zur Existenz wie Rechnungen bezahlen und arbeiten gehen. Will heißen: „In mir“ - man soll ja immer schön nach innen horchen - ist auch nichts passiert. Ich glaube, ich habe nicht mal nachgedacht. Da wäre nichts in mir zu hören gewesen. Ich war da. Sonst war nix.
Und nun bricht dieser Stress los. Es ist 15 nach 9. Ich habe einen wichtigen Termin. 9.40 Uhr kommt der rollende Bäcker ins Dorf. Ich brauche Brot. Der Stoffwechsel ruft danach. Und ich habe nur eine Schlübber an, die nicht mal den Po bedeckt und ein Shirt mit einem Fettfleck drauf. Okay. Ich bin in Brandenburg, aber so kann ich nicht die rund 300 Meter vor zum Stellplatz des rollenden Bäckers gehen. Eine Kittelschürze sollte ich mir wenigstens überziehen.
Ich habe keine. Es ist 22 nach 9, als ich diese Erkenntnis gewinne. Und Lust auf einen Kaffee. 26 nach 9 spuckt die Pad-Maschine mir die Tasse aus. Die Ereignisse überschlagen sich. Ich bedecke meinen Hintern mit einer Shorts. Ich schlürfe Kaffee.
Es ist Samstag in Brandenburg. Morgens. 5 nach 9. Ich bin allein und sitte das Haus meiner Familie. Bruder, Schwägerin, Neffen und die Nichte mit dem erhobenen Zeigefinger, der auch noch am letzten bisschen Schlübberstoff zupft, sind im Urlaub. Die vergangenen sieben Tage war ich allein und es ist gar nichts passiert.
Also es ist schon was passiert. Die Sonne ging auf und unter. Wolken haben sich übers Blau geschoben. Die Hühner haben draußen im Garten gepickt. Die Katzen haben rumgelegen. Ich hatte im Kern der Sache nicht viel mehr zu tun, als meinen Stoffwechsel zu betreiben. Es ist wirklich nichts passiert.
Auch nicht in diesem meiner Generation so blöde anhaftenden Selbstfindungssinne, bei dem man über sich und das eigene Leben nachdenkt, als gehöre das so pflichtgemäß zur Existenz wie Rechnungen bezahlen und arbeiten gehen. Will heißen: „In mir“ - man soll ja immer schön nach innen horchen - ist auch nichts passiert. Ich glaube, ich habe nicht mal nachgedacht. Da wäre nichts in mir zu hören gewesen. Ich war da. Sonst war nix.
Und nun bricht dieser Stress los. Es ist 15 nach 9. Ich habe einen wichtigen Termin. 9.40 Uhr kommt der rollende Bäcker ins Dorf. Ich brauche Brot. Der Stoffwechsel ruft danach. Und ich habe nur eine Schlübber an, die nicht mal den Po bedeckt und ein Shirt mit einem Fettfleck drauf. Okay. Ich bin in Brandenburg, aber so kann ich nicht die rund 300 Meter vor zum Stellplatz des rollenden Bäckers gehen. Eine Kittelschürze sollte ich mir wenigstens überziehen.
Ich habe keine. Es ist 22 nach 9, als ich diese Erkenntnis gewinne. Und Lust auf einen Kaffee. 26 nach 9 spuckt die Pad-Maschine mir die Tasse aus. Die Ereignisse überschlagen sich. Ich bedecke meinen Hintern mit einer Shorts. Ich schlürfe Kaffee.
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| Käffchen. Erstmal Käffchen. |
Es ist 33 nach 9. Schulzens Bärbel - die Nachbarin, eine kleine Frau mit Grübchen und Rentenbescheid - rollt mit ihrem Fahrrad Richtung Verkaufsplatz an der Bushaltestelle los. Ich werde Schlange stehen müssen, meine Synapsen feuern grad wie wild. Schulzens Bärbel mit ihrem prallen Stoffbeutel am Lenker ist uneinholbar.
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| Schicker Lack. Aber keine Chance gegen Bärbel. |
35 nach 9 steige ich aufs Rad. 36,5 nach 9 bin ich da. Schulzens Bärbel ist da, ein halbes Dutzend anderer Frauen sind da. Gerade habe ich den Altersdurchschnitt auf 60 Jahre gedrückt. Ich grüße reihum alle und wünsche "Guten Morgen". Mit Nicken nimmt man mich zur Kenntnis.
39 nach 9. „Jetzt müsste er um die Ecke kommen“, sagt die Frau in der zerschlissenen Jeans. So weit ich mutmaßen kann, trägt sie eine ordentliche Schlübber. Zumindest eine, die den Po bedeckt. Kein Wagen zu sehen. 43 nach 9. „Nicht, dass die in Wiese wieder das ganze Brot wegkaufen“, sagt die in der Kittelschürze. Panik steigt in meinem Stoffwechsel auf.
46 nach 9. Ein Mann in Cordjacke, gerade eben stand er noch mit den kittelbeschürzten Damen unter dem Dach der Bushaltestelle, kommt auf mich zu. „Die Damen und ich, ja, wir rätseln grad“, deutet er auf vier Frauen hinter sich. „Wir rätseln, wer sie eigentlich sind!?“ Meinen Namen zu nennen, macht jetzt keinen Sinn. Ich wollte nie Zahnarztgattin werden, jetzt stelle ich mich vor als „Ich bin die kleine Schwester vom Steinmetz.“ 47 nach 9. Eine Diskussion bricht los. „Blöde Frage, sag mal! Das sieht man ja wohl, guckste mal die Oogen, der Schelm is drinne“, sagt die Frau in den zerschlissenen Hosen. „Dit is doch nich das erste Mal, dit die hier is“, zeigt Schulzens Bärbel dem Mann einen Piepvogel. Ihre Grübchen sind einen Zentimeter tief. „Na aber, wir waren uns jetzt nicht sicher, wir wohnen ja am anderen Ende vom Dorf“, verteidigt sich der Mann.
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| "Meine" Seite vom Dorf. |
52 nach 9. „Läuft ein Graben durch mein Idyll? Ist dies ein zweigeteiltes Dorf?“, frage ich mich. „Der Thomas is doch in Frankreich“, erläutert Schulzens Bärbel kenntnisreich. 53 nach 9. Ein Fahrrad fällt um. Ein Beutel mit Birnen hing am Lenker. Schlecht fürs Gleichgewicht. Lecker Saft. Bärbel stürzt los, die gefallenen Früchtchen zu bergen. „Dein Fahrrad ist besoffen“, lacht die Frau in den Jeans.
„Is ja gar nich meins“, erwidert Bärbel und lacht noch lauter. „Is deins! Dein Fahrrad is besoffen!“ 54 nach 9. Wessen Fahrrad besoffen ist, kann vorerst nicht geklärt werden. Der Bäcker kommt. Ihm folgt das Fleischer-Mobil. 55 nach 9 haben beide die Wagen geparkt, die Klappen gehen auf. Vier Brote noch. Und fünf Frauen vor mir. Als ich über den Alkoholgehalt von Diamant-Rädern nachdachte, haben sich die alten Frauen von der Bushaltestellenbank wohl an mir vorbei geschoben.
58 nach 9. Die Frau vor mir kauft das letzte Sonnenblumenkernbrötchen. 59 nach 9. Ich wähle vier normale Brötchen aus der Palette von ganzen acht normalen Brötchen. Ich bin selig. Keine Wahl zu haben, ist schön. „Beutel?!“, fragt die Bäckersfrau. „Haste? Oder haste nich dran gedacht, wah?“, mischt sich Bärbel ein, „kannste aber meinen nehmen, hängt am Rad!“ Ich winke ab. Stolz recke ich meinen Stoffbeutel in die Höhe und die Bäckersfrau nickt. Anerkennend, meine ich.
3 nach 10. Ich winke Schulzens Bärbel und wünsche einen schönen Tag. Sie fährt noch 15 Meter weiter. Ich biege ab. Ich schreibe meinem kleinen Bruder, was gerade alles passiert ist. Er sagt, ich soll mich erstmal ausruhen. Ich suche eine Schlübber mit Stoff überm Po und leg mich wieder hin. Hoffentlich passiert nix.
„Is ja gar nich meins“, erwidert Bärbel und lacht noch lauter. „Is deins! Dein Fahrrad is besoffen!“ 54 nach 9. Wessen Fahrrad besoffen ist, kann vorerst nicht geklärt werden. Der Bäcker kommt. Ihm folgt das Fleischer-Mobil. 55 nach 9 haben beide die Wagen geparkt, die Klappen gehen auf. Vier Brote noch. Und fünf Frauen vor mir. Als ich über den Alkoholgehalt von Diamant-Rädern nachdachte, haben sich die alten Frauen von der Bushaltestellenbank wohl an mir vorbei geschoben.
58 nach 9. Die Frau vor mir kauft das letzte Sonnenblumenkernbrötchen. 59 nach 9. Ich wähle vier normale Brötchen aus der Palette von ganzen acht normalen Brötchen. Ich bin selig. Keine Wahl zu haben, ist schön. „Beutel?!“, fragt die Bäckersfrau. „Haste? Oder haste nich dran gedacht, wah?“, mischt sich Bärbel ein, „kannste aber meinen nehmen, hängt am Rad!“ Ich winke ab. Stolz recke ich meinen Stoffbeutel in die Höhe und die Bäckersfrau nickt. Anerkennend, meine ich.
3 nach 10. Ich winke Schulzens Bärbel und wünsche einen schönen Tag. Sie fährt noch 15 Meter weiter. Ich biege ab. Ich schreibe meinem kleinen Bruder, was gerade alles passiert ist. Er sagt, ich soll mich erstmal ausruhen. Ich suche eine Schlübber mit Stoff überm Po und leg mich wieder hin. Hoffentlich passiert nix.
Samstag, 26. März 2016
Girly Talk
Irgendwann und irgendwo im Nirgendwo. Ein kurzes Wochenende in Brandenburg. Pure Weite für Auge und Herz. Geliebtes gelobtes Land. Ich teile die Matratze mit meiner Nichte. Fair. Natürlich. Sie bekommt 80 bis 95 Prozent. Und ich den Rest. Manchmal bekomme ich auch eine Hand ins Gesicht. Oder einen Knuff in die Nierengegend.
Meine Nichte scheint in ihrer Großzügigkeit zu ahnen, dass man solch eine Nacht nicht lange unumstritten gut finden kann. Daher weckt sie mich kurz nach halb sieben. Morgens. An einem Sonntag. Das ist so nett. Zu diesem Zweck flüstert sie mehrfach "Tiiiiinäh". Als ich sie anblinzele und "noch füüünf Minuten" fordere, schlägt sie die Augen nieder. Danach atmet sie zweimal überdeutlich aus. Sie schnauft. Als trage sie die Last der ganzen Welt auf ihren noch nicht mal vier Jahre alten Schultern.
"Wasnnnnn???" frage ich sie beim dritten Seufzer. Hätte ich mal besser nicht...
Im Kindergarten. Also. Das ist so... Der Rocco, Rico, Leon, Dean, Torben oder irgendein Hendrik (ich habe nicht richtig zugehört, Asche aufs Haupt der Tante) macht es ihr offenkundig nicht leicht. Manchmal ist er ganz lieb zu ihr. Dann spielt er nur mit ihr, zum Beispiel Mutter-Vater-Kind. Und zwar nur mit ihr. Sie möchte - das möchte meine Nichte nicht unerwähnt lassen - später einmal fünf Kinder haben, wenn sie so groß ist wie ich. Das macht sie jedem Menschen klar. "Okayyyy", sage ich. Später wollen der Rocco, Rico, Leon, Dean, Torben oder irgendein Hendrik und sie vielleicht auch heiraten. "Na gut", sage ich. Ich fühle mich nicht munter genug, diesen Redeschwall durch meine Lebensweisheiten zu unterbrechen.
Aber dann wieder ist Leon-Dean-Torben-Hendrik nicht wirklich lieb zu ihr. Dann ärgert er sie sogar. Mit so kneifen und so. Da ärgert sie zurück (Stolz erfasst das Tantenherz). Und manchmal tut Dean-Torben-Leon sogar so, als sei sie gar nicht da (das Tantenherz schnaubt wütend aus). Sie macht das jetzt genauso, hat meine Nichte beschlossen. Das unterstreicht sie, indem sie jetzt aufsteht und sich grinsend ihrer Spielzeugkiste widmet. Ich schaue auf mein Handy. Ein "na du ... meld dich doch mal wieder" steht da. Als ob ich damit angefangen hätte. Kindergarten!
Sonntag, 13. Dezember 2015
WTT am Baum
Ich beanspruchte für mich lange den Titel "Weltbeste Tante Tine" (WTT). Ich beanspruche für meine Nichte und meine Neffen nach wie vor, dass es sich dabei um die welttollsten aller Kinder handelt. Sie sind - klar bei der Tante, naja und vermutlich vor allem wegen ihrer Eltern - unfassbar _ hier setzt man alle guten Charaktereigenschaften ein, die es so gibt _ Kinder. Wobei ... ein bisschen gemein sind sie auch ... von mir ham se das aber nich!
Ein Herbstnachmittag in Brandenburg (the place to be - steht hier). Wir - das sind meine Brüder und der kleine Neffe - spielen Eisenbahn. Mein zu diesem Zeitpunkt gut 13 Monate alter Neffe krabbelt sich am Ohr. Das ist das sichere Zeichen dafür, dass er müde ist. Ich schlage meinem großen Bruder - das ist der Vater des kleinen Wesens - vor, einen Spaziergang mit dem Knirps zu machen. Feine Sache, meint der Bruder. Dann schläft er bestimmt, beim Spazieren schläft er fast immer. Wenn ich diesen und jenen Weg nehmen würde, könnte ich auch gleich Äpfel frisch vom Baum mitbringen. Klar.
Der Kleine und ich machen uns auf den Weg raus aus dem kleinen Dorf. 500 Meter habe ich den Kinderwagen geschoben, da ist es ganz still vor mir. Ich glaube schon jetzt an den Schlaferfolg. Sekunden später dreht sich der Kleine um und guckt mich skeptisch an. Ich meine, ihn enttäuscht schnaufen zu hören. Ich gehe weiter. 500 Meter später dreht er sich wieder um. Ich meine, ihn mit den Schultern zucken zu sehen. 500 Meter später steht ihm Enttäuschung ins Gesichtchen geschrieben. Ja. Wir sind allein. Keine Mama. Kein Papa. Nur die Tante. Im Abstand von 500 Metern geht das Spiel weiter. "Tja", sage ich, "ich kann das halt nich so gut, dit weeßte doch. Dafür kann ich andere Sachen. Wenn du alt genug bist, gehen wir zusammen in die Kneipe!" Das Kind lächelt und dreht sich fortan nicht mehr um.
Wir schieben weiter. Über Feld- und Waldwege gelangen wir fast ins nächste Dorf und ich drehe wieder um. Wir kommen am Apfelbaum vorbei. Nur diesen kann der Bruder mit seiner Angabe gemeint haben. Wir halten an. Das Kind guckt neugierig aus seinem Wägelchen hervor. Ich recke mich den Äpfeln am Baum entgegen. Ich bin keine Giraffe, aber ich bin auch nicht klein - trotzdem ist kein Rankommen. Das Kind schmunzelt. Ich ziehe beherzt an einem der Äste, damit er weiter runter und mein anderer Arm an die Äpfel kommt. Fehlanzeige. Der Ast schnellt empor und wirft Laub auf mich. Das Kind zieht seinen Schnuller aus dem Mund, um mir ein breites Grinsen zu zeigen. "Ja, lach nur", sage ich, "wir machen gleich eine Räuberleiter und es ist noch nicht geklärt, wer unten ist!" Das Kind kichert. Ich gehe um den Baum und suche nach einer Stelle, um raufzuklettern. Ich finde eine und wage den Einstieg zum Aufstieg. Nur passt der Raum zwischen den Ästen nicht zur Größe meiner Füße, wie auch immer ich sie drehe. Ich komme nicht hoch, mein Hintern hängt nach unten, ich will mich Kraft meiner Arme nach oben ziehen, ich ziehe, ich mache, ich turne, ich tu ... ich plumpse nach unten. Arsch voran. Mir folgen Blätter und vier Äpfel. Das Kind lacht laut und biegt sich nach vorn. "Jahaahaha, lach du nur, du Gurke!" Ich glaube, das Kind hält sich sein Bäuchlein.
Wir schieben wieder ab. Wir lachen beide. Einen Apfel teilen wir uns, die anderen drei liefern wir ab. Dass das Kind nicht geschlafen hat, kommentiert der große Bruder mit "Man darf es nicht zu sehr wollen". Dass es nur drei Äpfel sind, kommentiert der große Neffe mit "Du hast die vollkommen falsche Technik beim Baumklettern!". Sein kleiner Bruder schläft lächelnd ein.
Ein Herbstnachmittag in Brandenburg (the place to be - steht hier). Wir - das sind meine Brüder und der kleine Neffe - spielen Eisenbahn. Mein zu diesem Zeitpunkt gut 13 Monate alter Neffe krabbelt sich am Ohr. Das ist das sichere Zeichen dafür, dass er müde ist. Ich schlage meinem großen Bruder - das ist der Vater des kleinen Wesens - vor, einen Spaziergang mit dem Knirps zu machen. Feine Sache, meint der Bruder. Dann schläft er bestimmt, beim Spazieren schläft er fast immer. Wenn ich diesen und jenen Weg nehmen würde, könnte ich auch gleich Äpfel frisch vom Baum mitbringen. Klar.
Der Kleine und ich machen uns auf den Weg raus aus dem kleinen Dorf. 500 Meter habe ich den Kinderwagen geschoben, da ist es ganz still vor mir. Ich glaube schon jetzt an den Schlaferfolg. Sekunden später dreht sich der Kleine um und guckt mich skeptisch an. Ich meine, ihn enttäuscht schnaufen zu hören. Ich gehe weiter. 500 Meter später dreht er sich wieder um. Ich meine, ihn mit den Schultern zucken zu sehen. 500 Meter später steht ihm Enttäuschung ins Gesichtchen geschrieben. Ja. Wir sind allein. Keine Mama. Kein Papa. Nur die Tante. Im Abstand von 500 Metern geht das Spiel weiter. "Tja", sage ich, "ich kann das halt nich so gut, dit weeßte doch. Dafür kann ich andere Sachen. Wenn du alt genug bist, gehen wir zusammen in die Kneipe!" Das Kind lächelt und dreht sich fortan nicht mehr um.
Wir schieben weiter. Über Feld- und Waldwege gelangen wir fast ins nächste Dorf und ich drehe wieder um. Wir kommen am Apfelbaum vorbei. Nur diesen kann der Bruder mit seiner Angabe gemeint haben. Wir halten an. Das Kind guckt neugierig aus seinem Wägelchen hervor. Ich recke mich den Äpfeln am Baum entgegen. Ich bin keine Giraffe, aber ich bin auch nicht klein - trotzdem ist kein Rankommen. Das Kind schmunzelt. Ich ziehe beherzt an einem der Äste, damit er weiter runter und mein anderer Arm an die Äpfel kommt. Fehlanzeige. Der Ast schnellt empor und wirft Laub auf mich. Das Kind zieht seinen Schnuller aus dem Mund, um mir ein breites Grinsen zu zeigen. "Ja, lach nur", sage ich, "wir machen gleich eine Räuberleiter und es ist noch nicht geklärt, wer unten ist!" Das Kind kichert. Ich gehe um den Baum und suche nach einer Stelle, um raufzuklettern. Ich finde eine und wage den Einstieg zum Aufstieg. Nur passt der Raum zwischen den Ästen nicht zur Größe meiner Füße, wie auch immer ich sie drehe. Ich komme nicht hoch, mein Hintern hängt nach unten, ich will mich Kraft meiner Arme nach oben ziehen, ich ziehe, ich mache, ich turne, ich tu ... ich plumpse nach unten. Arsch voran. Mir folgen Blätter und vier Äpfel. Das Kind lacht laut und biegt sich nach vorn. "Jahaahaha, lach du nur, du Gurke!" Ich glaube, das Kind hält sich sein Bäuchlein.
Wir schieben wieder ab. Wir lachen beide. Einen Apfel teilen wir uns, die anderen drei liefern wir ab. Dass das Kind nicht geschlafen hat, kommentiert der große Bruder mit "Man darf es nicht zu sehr wollen". Dass es nur drei Äpfel sind, kommentiert der große Neffe mit "Du hast die vollkommen falsche Technik beim Baumklettern!". Sein kleiner Bruder schläft lächelnd ein.
Sonntag, 4. Oktober 2015
Hinter sich lassen
Schlafend wirkst du aus als wäre ein Baumstamm in mein Bett gefallen. Alle zwei Minuten schnarchst du grunzend auf. Gut. Als ich dich vorhin zum dritten Mal angestupst hab und nichts passierte, dachte ich für einen Moment, du hast dein Leben ausgehaucht. Und ich ein Problem. Ich wollte einen Eimer kaltes Wasser über dir ausschütten, dich bestrafen für all den Scheiß und mich erfreuen. Geht nicht. Ist ja mein Bett.
Das sollte nicht mehr sein. Wir hatten mal eine "Freundschaft plus". Macht man so in unserer Generation. Friends with benefits, Freunde mit gewissen Vorzügen ... ein Anruf und nur Sex frei Haus geliefert. Heiß und gut. Die Gefühle bleiben kalt.
Sowas geht trotzdem immer schief. Bei uns mit großem Drama. Das hast du angezettelt. Und ich habe den Schlussstrich gezogen. Als ich mit meinen Brüdern drohte, war Ruhe. Wir hatten das geklärt, wir konnten Monate später doch wieder einfach nur Freunde sein. Und alles war (wieder) gut.
Sowas geht trotzdem immer schief. Bei uns mit großem Drama. Das hast du angezettelt. Und ich habe den Schlussstrich gezogen. Als ich mit meinen Brüdern drohte, war Ruhe. Wir hatten das geklärt, wir konnten Monate später doch wieder einfach nur Freunde sein. Und alles war (wieder) gut.
Und jetzt fängst du wieder an. Rufst nachts immer und immer wieder an, obwohl ich nicht rangehe. Klingelst nach Mitternacht an meiner Tür. Sagst, dass ich das nicht falsch verstehen soll, du die Fehler und Fehlinterpretationen nicht wiederholen wirst, es dir dieses Mal nur um Sex geht, nichts weiter. Nur Sex, keine Gefühle, keine Nähe, nur Sex. Das wird nicht passieren, das weißt du, sag ich. Never, sag ich. Never ever. Okay, sagst du. Setzt dich. Und erzählst von deinem Tag. Und dem davor. Und dem davor. Und dem davor. Und trinkst Wein. Du wühlst dich durch meine CD's und legst Boy ein. Ohhhhh, boy ...
Mein Musikgeschmack sei gut. Meine Anlage schlecht. Dein Frauengeschmack sei schlecht. Was Beziehungen betrifft. Der für die Kerben in deinem Bett nicht. Da sei ich aber nicht eingeritzt, sagst du, da gehöre ich nicht hin, ich sei zu gut. Aber deinen Jungs hast du trotzdem von uns erzählt. Denn ihr habt einen Deal: die, die der Kumpel mal im Bett hatte, die ist unantastbar für alle Zeiten. So ein Männerfreundschaftendingens. Kann ich nicht verstehen, sagst du, auch wenn ich ein krasser Typ bin. Mädchen, du hast keine Ahnung, sagst du. Dann lassen mich die Arschlöcher in Ruhe, versprichst du. Das sei Ehrensache. Und ich eine Prinzessin.
Ich bin müde. Das macht mich alles so müde. Ich geh in mein Bett, dämmere langsam weg. Mit der Decke kommst du von der Couch gekrabbelt. Nur kuscheln, mehr nicht, sagst du. Legst dich hin und greifst zu. Meine Rippen zwischen deinen Pranken, mein Bauch auf deinem. Fünf Minuten. Mein Kopf zwischen deiner Achsel und deinem Hals vergraben. Zehn Minuten. Drehen. Dein Bauch an meinen Rücken gedreht. Deine Hand in meine gegraben vor meiner Brust. Deine Hand auf meiner Hüfte. Dünn, sagst du, iss mehr. Das nächste Mal bringst du was mit, sagst du. Drehen. Meine Beine werden über deine gelegt, der Kopf auf deine Schulter und du grunzt zufrieden. Jetzt haben wir eine Kuschelschaft minus, oder wie? Jedes Mal, wenn ich mich wegdrehen will, ein "pssssssst, bitte bleib". Bis zum Morgengrauen.
Ich gehe. Einen Kaffee stell ich dir noch ans Bett und lass dich liegen.
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