Montag, 16. Juli 2018

Nett mit Beigeschmack

Ein sonniger Tag, weiße Schleierwolken ziehen feine Bahnen in den blauen Himmel, die Vögel zwitschern, der Wind rauscht leise durch die grünen Blätter. Man muss einfach gute Laune haben an so einem Tag, geht eigentlich nicht anders. Noch dazu habe ich frei und alle Zeit dieser wunderschönen Welt für einen langen Spaziergang durch genau die Wiesen meiner Stadt, die mich immer ein bisschen an mein gelobtes Land Brandenburg erinnern. Schön. Einfach schön.

Ich strebe mit großen und meinen üblich schnellen Schritten auf dem schmalen Weg vorwärts. Die Steine piksen sich durch die dünnen Schuhsohlen. Es macht mir nichts, zu beglückt bin ich von diesem Sonnentag. Vor mir taucht eine Frau mit durch und durch langem Kleid und Kopftuch auf. Sie schiebt einen Kinderwagen. Zwei kleine Jungs stapfen vorne weg, ihrem noch etwa 50 bis 75 Meter entfernten Vater (vermute ich) auf den Fersen. 

Der Mann dreht sich immer wieder nach den Jungs um, dabei erblickt er mich und sagt auf Arabisch etwas zu der Frau. Sie dreht sich um, hebt entschuldigend die Hand und bugsiert den Kinderwagen ins Gras, um mir und meinem Galopp Platz zu machen. Ich winke noch ab und will ihr bedeuten, dass sie das nicht tun muss. Warum auch sollte der mit Kinderwagen ins unwegsame Gras ausweichen? Sie tut es dennoch. Ich verlangsame meinen Schritt, lächle sie an, blicke kurz auf das höchstens drei Monate alte Baby und sage "Danke". Ich hoffe, das Kleine ist nicht wach geworden durch den holprigen Weg ins Gras.

Als ich langsam weitergehe, um mich an den Jungs vorbeizuschlängeln, sagt der Vater auch zu ihnen etwas. Ich verstehe wieder kein Wort. Aber es klingt genau wie bei der Frau irgendwie nach einem Befehl, Platz zu machen. Der etwa Fünfjährige trollt sich gleich, der Kleine von höchstens zweieinhalb Jahren interessiert sich nicht für die Worte.  Er hat wichtigere Dinge zu tun. Dinge, die Kinder seines Alters eben so zu tun haben und als das Wichtigste auf der Welt erachten. Gut so.

Er hat einen Kornapfel in der Hand. Und den zeigt er mir als ich gerade vorbei will. Ich lächle ihn an und frage, was er denn da hat. Er beginnt zu erzählen. Ich verstehe kein Wort von dem Gesagten, weil das bei höchstens Zweieinhalbjährigen immer so ist - egal welche Muttersprache sie haben. Er brabbelt munter drauf los, dass sich die kleine Zunge vor Aufgeregtheit überschlägt und ich verstehe kein Wort. Wie bei jedem Kind dieses Alters tue ich aber schwer begeistert, verständnisvoll und interessiert, obwohl ich kein Wort verstehe. Der höchstens Zweieinhalbjährige stoppt seinen Redefluss. Gut, denke ich, das war dann also alles zum Thema Apfel. Ich winke dem Kleinen und will wieder schneller gehen.

Er aber greift mit seiner kleinen Hand meine und krabbelt seine Fingerchen in meine Handfläche, geht mit mir im Schneckentempo höchstens Zweieinhalbjähriger den Weg weiter. Dabei hält er mir den Apfel hoch und gibt ihn mir in die andere Hand. Wieder erzählt er. Wieder tue ich so als wäre ich voll Verständnis, wiege den Apfel hin und her. Er redet und redet. Er deutet auf den Apfel. Ich beuge mich zu ihm herunter, gebe den Apfel zurück und reiche ihm meine Hand zum Handschlag, sage "Tschüss, kleiner Mann" und winke.

Der Vater ist stehen geblieben, hat alles beobachtet. Auch er reicht mir die Hand, schüttelt sie und sagt in gebrochenem Deutsch: "Vielen Dank, das war sehr nett von Ihnen, so freundlich ist hier sonst kaum jemand zu uns, ich wünsche Ihnen alles Gute!"

Montag, 2. April 2018

Hipsterpärchenabendalarm

Schön. Urlaubstag. Ein italienisches Restaurant, das so gut ist, dass wir das zweite Mal in vier Tagen dort sind. Durch das Fenster kann man die See sehen. Die Sonne geht unter. Die Musik spielt sanft im Hintergrund. Öffnet sich die Küchentür duftet es stoßweise nach frischem Ciabatta. Der Büffelmozzarella zergeht auf der Zunge. Die Nudeln werden frisch gemacht. Die Karte bietet zu sehr fairen Preisen so viele Leckerbissen ... man würde sich am liebsten einmal durchfressen. Und die Kellner sind auf unaufdringliche Art freundlich wie die Sonne Italiens. Hach. Schön. 

Dann kommen sie. Hipster. Vier Stück. Portioniert in Pärchen. Sie parken ein besterntes Auto im Halteverbot und betreten das Restaurant. Drei von ihnen halten Smartphones in den Händen und den Kopf gesenkt, der vierte wenigstens den Schlüssel zum Auto. Sofort denke ich an irgendeinen Vater, der das alles bezahlt. Meine Synapsen feuern fröhlich eine Salve Vorurteile. Der weibliche und der männliche Hipster an sich in Reinform ... scheint mir.

Die Ers tragen diese Label-Mützen aus Strick auf dem Kopf und Basketballschuhe an den Füßen. Die kann man bestimmt schon im used look kaufen? Ich glaube nicht, dass die sie selbst so abgelatscht haben. Die Sies tragen entweder diese Stiefelletten mit dem Stoffeinsatz oder Sneaker - die Knöchel jeweils frei. Draußen sind kaum über null Grad und vom Meer kommt eisiger Wind. Ich komme nicht umhin mich zu fragen, wie die das eigentlich machen? 

Leidet der männliche Hipster nie an kalten Füßen oder trägt er vielleicht sehr dicke Socken drunter? Vielleicht diese ultrawarmen und wirklich sehr empfehlenswerten von der Bundeswehr? Hat der Hipster je Kontakt zum Bund gehabt? Ist der weibliche Hipster sehr abgehärtet oder trägt er vielleicht Thermosohlen? Oder hilft die fette Wolldecke, die er neuerdings um den Hals trägt? Oder der zu groß geratene Strickpulli?

Und dieser übliche Esmusssoscheißeungeplantaussehenundkostetechtvielmüheundarbeitsoverwuscheltzuwirken-Dutt auf dem Kopf? Dafür gibt es bestimmt Tutorials bei Youtube, die dem weiblichen Hipster beibringen, erst einen ballerinamäßigen Knoten zu binden und sich dann auf der Krone des Kopfes voran über einen mindestens drei Meter langen harten Teppich zu schieben? Oder ist das Ding schon so lange auf dem Kopf, dass mit den ersten Frühlingstagen Tschilpen von dort zu hören sein wird?

Sie nehmen nicht viel Platz weg im mit lauter normalen Menschen gefüllten Restaurant. Alle vier sind auf diese schlacksige Art dünn, die einem verrät, dass die Muskeln seit dem Schulsport gänzlich ungenutzt geblieben sind und körperliche Arbeit jetzt nicht so ihr Ding ist. Ich denke wieder an die Eltern, die das alles bezahlen. 

Erst einmal wird die Karte studiert und sich lautstark aufgeregt, dass eine bestimmte Marke Wasser nicht auf dieser zu finden ist. Ich habe irgendwo mal gelesen, dass diese Marke zu der Art Wasser-Mafia gehört, die Menschen in Afrika das Wasser nimmt. Die Weinkarte fällt nach einiger Diskussion nicht so durch. Man bestellt was Rotes, kann den Namen, welchen ich schon wieder vergessen habe, natürlich schwunghaft italienisch aussprechen und sich anschließend in Fachsimpeleien verlieren, für die ich auch einem Sommelier Posing vorwerfen und ihm Prügel androhen würde.

Als Vorspeise kommt Salat. Dieser wird erst umdekoriert und dann fotografiert. Der weibliche Hipster scheint nach der Hälfte schon satt, wirkt aber insgesamt eher unfroh. Der männliche Hipster bekommt noch eine Pizza, welche allerdings nicht fotografiert wird, aber neidvoll vom weiblichen Hipster beäugt wird, bevor er beginnt, sich immer wieder kleine Stücken zu picken und schließlich doch die Hälfte der Pizza zu essen.

Sie sind satt. Sie predigen jetzt weder über Wasser noch Wein. Sie alle starren auf ihre Telefone, tippen, wischen, schmunzeln, der weibliche Hipster sieht sich vermutlich an Fotos satt. Erst verzögert bemerken sie den Kellner, der fragt, was es noch für Wünsche gibt. Der männliche Hipster fordert die Rechnung. Sie kommt. Alle vier beäugen sie, machen was aus und schließlich kramt der männliche Hipster sein Portemonnaie heraus, blättert es auf und lässt den Kellner demonstrativ auf die schwarze Kreditkarte blicken, bevor er centgenau bezahlt. 

Ich hoffe, dass der Kellner gute Kontakte zur Mafia hat und noch ein bisschen Erziehung nachgeholt werden kann... und wie gerne hätte ich die Hipster vorher fotografiert, aber mein Handy ist irgendwo ganz tief unten in der Tasche vergraben. Nie wird einer die Mozzarellawolke sehen. Schade.

Freitag, 2. März 2018

Brennen

Wie Marsellus Wallace' Frau. Nach der Adrenalinspritze. Jede Nacht. Jede Nacht um drei. Immer. Wach gespritzt wie Marsellus Wallace' Frau nach der Adrenalinspritze. Es gibt nur keine Spritze. Wenn, sitzt sie irgendwo unter der Haut. Keine Party, keine Drogen, keine Fussmassage davor.

Ins Bett gelegt als sei der Körper aus Teig. Schwerer und breiter als er ist fühlt er sich an. Irgendwie unkontrollierbar. Wie Watte voll Wasser gesogen. Unbeweglich, zerrig, dumpf. Der kaputte Teig. Die Adrenalinspritze kommt. Herz rast. Keine Ruhe mehr. Eine Stunde lang. Wegdämmern, der Teig wird schwerer.

Jeden Morgen danach kraucht der Teig aus dem Bett, strafft sich, dass bloß keiner was merkt. Funktionieren ist das letzte, was noch funktioniert. Schutt und Asche sonst. Zu viel Arbeit. Zu wenig Geld. Zu viele Sorgen. Zu viele Probleme. Zu wenig Lösungen. Keine Hilfe gesucht. Die falschen Männer zur falschen Zeit, die richtigen Männer zur falschen Zeit. Zu viel Alkohol. Zu wenig Appetit.

Das Brennen der Schläfen. Es kommt plötzlich. Es kommt immer öfter. Es könnte alles verraten. Jetzt gleich, denkt sie dann, jetzt gleich wird bestimmt was explodieren - ich. Die Schläfen brennen so, sie pochen, das Blut, es rauscht im Kopf. Jetzt gleich, wird der Teig explodieren. Nasenbluten. Oder Kotzfontäne. Irgendwas passiert bestimmt gleich, der Körper wird explodieren, denkt sie. Nichts. Das Brennen verschwindet. Kommt und geht.

Das Kalenderblatt sagt, dass die Monate vergehen. Sie weiß es nicht, alles taub, alles betäubt. Bis es nicht mehr geht, sagt die Ärztin. Burnout. Scheiß Lifestyleanmutung, diskutiert sie noch, als wieder die Schläfen zu brennen beginnen. Jahre später hebt die Ärztin wieder den Zeigefinger. Blutarmut und ausgewrungenes B12-Depot sind Folgen vom Raubbau dunkler Zeiten damals, sagt sie. Und dass sie nur Glück hatte, rechtzeitig den anderen Weg genommen zu haben.

Ich kann nicht mehr, wird sie ihrem großen Bruder schreiben. Der wird sie zu sich holen. Und alleine lassen. Irgendwo im Nirgendwo. Das Brennen vergeht im Nichts. In der dritten Nacht schläft sie das erste Mal seit Monaten durch. Am fünften Tag findet sie einen Ratgeber für frisch gebackene Eltern. Ein Baby, denkt sie, behandelt man immer gut. Essen, Schlaf, Fürsorge bekommt es. Sie adoptiert sich selbst. Sie päppelt sich auf. Jahre wird es dauern. 

Samstag, 17. Februar 2018

Freundlichkeit siegt

Schöner Tag. Die Vögel zwitschern schon. Die Sonne schafft es immer wieder durch die Wolkendecke und wärmt. Ich habe in aller Ruhe Tee getrunken. Nachher könnte ich noch eine Runde Yoga machen, ich habe neue Sequenzen für Yin-Yoga gelernt. Erstmal breche ich auf zu einem Spaziergang.

Ich muss eine Straße überqueren. Sie ist gut und weit einsehbar. Als ich an die Ampelanlage komme, stelle ich fest: Ein Auto ist, von rechts kommend, so weit entfernt, dass ich schon lange über die Straße wäre, bevor die Ampel überhaupt umschalten würde. Ein Radfahrer, ebenfalls von rechts kommend, wäre hingegen schon durch, bevor ich überhaupt auf der Gegenseite ankäme. Von links kommt nichts. Es ist kein Kind in Sicht, dessen Erziehung ich torpedieren könnte. Ich bin nicht so stolz drauf, aber ich beschließe bei Rot zu gehen.

Meine Berechnungen stimmen. Das Auto ist nach wie vor noch weit weg. Und der Radfahrer ist schon durch, als ich die Mitte der Fahrbahn erreicht habe. Aber auch der hat Augenwinkel. Und scheint mit meinem Beschluss nicht zufrieden. Er fährt verlangsamt weiter, dreht sich leicht um. "Es ist Rot, du blöde Schnallenfotze", ruft der Mann.

Schnallenfotze. Oha. 

Da ich Komposita sehr schätze, beschließe ich, auch etwas zu entgegnen. Immerhin sollte dieser Ficker begreifen, dass ich, verfluchte Scheiße nochmal, echt im Einklang mit mir selbst bin.

"Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende", rufe ich. Der Mann verlangsamt seine Fahrt immer weiter, dreht sich weiter um, gerät ins Schlenkern und plumpst vom Rad auf den Hosenboden.

Montag, 1. Januar 2018

Lieber Sylvester als Silvester

Ein neues Jahr hat begonnen. Das alte Jahr war gut - jedenfalls in den Belangen, die mich direkt angehen, von der Situation der Welt insgesamt will ich jetzt mal lieber schweigen. Der Abschluss des Jahres war für mich spitzenmäßig! 

Zum wiederholten Male habe ich mir Silvester oder vielmehr das Getue darum am Arsch vorbeigehen lassen. Während andere mal wieder mit Schall und Rauch ins neue Jahr gestartet sind und heute vermutlich obendrein einen kleinen bis großen Kater pflegen, habe ich auf all das Gerede von der Party des Jahres gepfiffen und die Füße hochgelegt. Statt Silvester zu feiern, könnte ich ebenso einen Film mit Sylvester Stallone schauen - knallt auch, macht ebenso keinen Sinn und ist ebenfalls vollkommen überbewertet (Oscarnominierungen? Nicht im Ernst!?).

Nüchtz machen am Silvesterabend? Wird wohl meine same procedure as every year.
Partypartypartyiiiiiieeeeeeh zu Silvester? Lieber schlitze ich mir die Pulsadern mit einem Zahnstocher auf, den ich gerade aus einem Käsehäppchen gepullt habe, das sich am Rande schon nach oben wellt. Kleines Schwarzes? Klar, in Form einer übergroßen schwarzen Jogginghose. Schlacht am Buffet? Selbstgekochtes und der Mann neben mir isst eh nie so viel wie ich, dreimal Nachschlag nehmen ist sowas von geritzt (und dummes Gerede hinsichtlich meiner Figur kann mir getrost gestohlen bleiben*). Tanzen zu Songs von Helene Fischer? Kein Kommentar, blöde Frage. Couch und dann um zehn ins Bett? Aber bitte, jahaaaa!

Seien wir doch mal ehrlich... fasst man den Vorsatz eine Waaaaahnsinnsparty zu feiern, so kann das aufgrund der hohen Erwartungen eigentlich nur in die Hose gehen. Und das tun sich viele Menschen alljährlich an? Dabei gibt es in der Regel 364 andere Tage, um die Party des Jahres zu feiern. Warum sollte es ausgerechnet dieser eine sein? 

Die besten Feiern habe ich spontan erlebt, sie kamen ohne jede Ansage und haben sich so ergeben. Ich habe vollkommen ungeplant mit einem Freund eine Flasche Whisky geleert und bin mit seiner Frau wie wild zu "Schwule Mädchen" von Fettes Brot durch die Bude gehopst. Das war geil. Es war an irgendeinem Tag X, ich weiß es nicht mehr genau (Stichwort Whisky, anfangs war die Flasche noch voll). Ich habe in der Folge den Spruch "Ab drei is ne Party" geprägt. Das war besser als jedes Silvester.

Ich halte auch nichts von Vorsätzen. Jedenfalls nichts von den Klassikern, die jetzt wieder viele - am liebsten mit Bleistift, mindestens mental - auf ihre Listen setzen. Sie fassen Vorsätze wie Abnehmen, mehr oder überhaupt Sport machen, Alkohol und Rauchen sein lassen usw. Im Fernsehen und Radio dudeln schon die Werbeversprechen für all jene, die (alles) auch dieses Jahr mal wieder viel besser machen wollen als letztes - es werden Abnehm-, Raucherentwöhnungs- und Fitnesssteigerungsversprechen gegeben. Kann mir auch alles am Arsch vorbeigehen. 

Frei vom Willen, ein paar Sachen besser zu machen bin ich natürlich auch nicht. Nur will ich nicht permanent meinen Körper, meine Ernährung, meinen Bewegungsdrang, meinen Kontostand oder oder oder optimieren. Etwas verbessern kann man ja immer. Ich könnte zum Beispiel weniger Plastemüll verursachen. Ich könnte weniger Geld für Bücher ausgeben und mehr in die Bibliothek gehen. Ich könnte mehr Bio-Produkte konsumieren. Ich könnte härter daran arbeiten, den Planeten gesünder zu machen. Ich könnte viel.** Meistens fällt mir sowas an irgendeinem anderen der 365 Tage ein und meistens richte ich mich dann danach - wenn ich Bock drauf habe. Wenn nicht, auch egal. Denn im Grunde muss ich einen Scheiß!

In diesem Sinne: Einen guten Start in viele neue Tage!

* Wenn mir nochmal jemand sagt, ich würde immer dünner, dann fresse ich ihn auf.
** Ich könnte es auch lassen.

Donnerstag, 17. August 2017

Kleine Last auf den Schultern

Nur er und ich. Okay. Gerade haben wir zusammen eine Feier besucht. Auch okay. Nun wollen wir den Weg zurück gemeinsam gehen. Allein. Nur wir zwei. Sehr okay. Er könnte mein Sohn sein.

Er ist mein Neffe. In wenigen Tagen wird er drei. Die Feier war die Geburtstagsfeier seiner Oma, meiner Mutter. Ich kenne seinen Gesichtsausdruck von Schwarzweißfotos auf denen mein ältester Bruder, sein Vater, zu sehen ist und irgendwie fühlt sich das Zusammensein mit ihm wie verkehrte Welt in schön an.

Der Weg zurück ist locker zwei bis drei Kilometer lang. Dass drei Spielplätze auf dem Weg liegen, ist Anreiz genug. Anreiz für die ersten Schritte. Schnell wird er fußlahm und will getragen werden. „Auf der Schulter so wie bei Papa“, sagt er. „Hm, aber ich bin nicht dein Papa“, sage ich. „Weiß ich“, meint er. „Was ich damit sagen wollte: Ich glaube, ich habe die Kraft dafür nicht“, beende ich meine Rede. „Auf der Schulter so wie Papa“, wiederholt das Kind. Ich versuche es. Was wiegt so ein Kind von fast drei Jahren? 30, 40 Kilo? Könnte hinkommen, so fühlt es sich jedenfalls an.

Ich kriege ihn nicht gehoben, jedenfalls nicht bis rauf auf meine Schultern. „Musst du runter kommen“, rät er. Mache ich und gehe ganz tief in die Hocke. Er klettert auf meine Schultern und ich stemme uns einer rumänischen Gewichtheberin gleich in den aufrechten Stand. Ich laufe los.

Spielplatz. Am Klettergerüst ist der Abstieg leicht. Wir schaukeln, rutschen, machen, tun. Auf dem Spielplatz sind noch andere. Das kleine Mädchen hat nicht begriffen, dass die Schwester zwar „Anna-Lena“ heißt, aber doch nur eine Person ist. „Mammahhh, Anna-Lena sind schon wieder auf der Rutsche“, krächzt das Kind seiner Erziehungsberechtigten entgegen. Die ist in Handy und Zigarette vertieft und Singular und Plural sind vermutlich eh nicht ihr Interessengebiet. „Anna-Lena sollen das doch nicht“, mahnt das Kind. „Mammahhh“ zuckt nicht.

Den Neffen scheint es noch mehr zu nerven als mich. „Weiter“, befiehlt das Kind und streckt die Ärmchen aus, ihn doch wieder auf die Schulter zu nehmen. „Klettergerüst!“, sage ich. Er nickt. Er hat verstanden. Weiter gehen wir.

Spielplatz. „Da ist ja gar keine Rutsche“, schnauft das Kind auf meinen Schultern, „das macht mich traurig.“ Ob wir denn dann überhaupt anhalten müssen, frage ich ihn. „Nee“, meint er, „ich bin immer noch traurig darüber.“ Ich habe ein schlechtes Gewissen.

Ich trotte weiter, immer weiter geradeaus, den Blick stoisch nach vorn gerichtet. Er hält mir die Haare aus der Stirn, damit ich gucken kann. „Haare aus dem Gesicht halten ist wichtig“, sage ich, „falls mal deine Schwester oder deine Freundin nach einer wilden Party oder so kotzt, hilfst du so am meisten.“ „Ja, weiß ich“, sagt er.

Er will anderes besprechen. „Guck mal, da hinten war ein Hund“, sagt er und ich merke, wie sich der kleine Körper auf meinen Schultern in die der Laufrichtung entgegengesetzte Richtung verschraubt. „Hm, will ich jetzt nicht gucken“, murre ich. Das Kind wird seit mindestens 800 Meter extrem schwer. Ich will nur noch ankommen. „Guck mal, da hinten war ein Fluss, ein großer!“, freut sich das Kind und verschraubt sich wieder. „Ich kenne mich hier aus. Hier ist kein großer Fluss“, sage ich. Das Kind schnaubt ein genervtes „pfffffffff“.  „Guck mal, da ist wieder ein Hund“, verschrauben sich die 50 Kilo auf meiner Schulter nach hinten. Ich drehe mich auch nach hinten. „Jetzt is er weg“, bedauert das Kind. „Ich sehe ihn“, sage ich und drehe mich wieder um. „Ich auch“, frohlockt er jetzt.

Springbrunnen hier, Hund da, Mensch dort, Ball drüben. Wieder und wieder drehen wir uns. Bis zum dritten Spielplatz. Da haben Jugendliche auf einer bunten Sitz- und Spielgruppe ein paar Alkopops so aufgedreht wie ihre Musik. Über ihren Lärm und ihr „Gesaufe“ beschwert sich immer wieder mal wer in der Nachbarschaft und im Internet. Mein Neffe steigt von meinen Schultern, nimmt eine Partie auf der Rutsche und geht rüber zu den Jugendlichen. „Ich geh zu den Jungs“, schreit er noch quer über den Platz während ich den Gehweg nehme. Er setzt sich zu den Jungs und sagt:„Hallo!“ Die Jungs gucken. Nach mir, der Frau, die nichts macht, nichts sagt, das Kind nicht holt. „Hallo!“, wiederholt der Kleine. „Hallo“, nuschelt wer zurück. Die Musik wird leise gedreht, die Flaschen beiseite geräumt. Der Kleine nickt zufrieden. Als wäre er hier der Blockwart. Er steht auf und geht, winkt den Jungs und die winken zurück, er kommt zu mir auf den Weg. „Nochmal auf die Schultern?“, frage ich und gehe schon in die Hocke. „Nee“, winkt der Junior ab, „aber nich traurig werden“. Meine Schultern hängen noch schwerer. Das Kind wird größer.

Sonntag, 16. Juli 2017

Werbeunterbrechung

Es sind nur 27 Sekunden. Ich finde sie schlimm, mich stresst das schon beim Zusehen. Das Ganze ist Werbung für eine Süßigkeit, die man - Werbung wirkt wohl doch - normalerweise morgens halb zehn in Deutschland zum Frühstückchen konsumiert. Davon ist diesmal nix zu hören. Dafür singt ein Junge im Alter von vielleicht zehn Jahren von seinem Alltag zwischen Schule, Musikunterricht, Sport, wieder Schule, wieder Sport. Die Musik ist schnell und alles wirkt dadurch noch stressiger. Und mittendrin gibt es für ihn "einfach mal 'ne Pause", wie er sehnsüchtig von einer "Auszeit" singt. Die Musik wird dafür kurz langsamer, nimmt dann wieder Fahrt auf - genau wie der Junge - und zackig ist die Werbung vorbei. Seht hier selbst.

Erwachsene sind gestresst. Okay. Das ist oft genug ein Einfluss von außen, oft genug selbst verschuldet und dass es so oder so negative Folgen für die Gesundheit hat, ist ja klar. Ein voller Terminkalender sei noch lange kein erfülltes Leben, soll Tucholsky gesagt haben. Stress ist für Erwachsene also ziemlich blöd. Dass aber nun die Lebenswirklichkeit von Kindern ebenfalls als so "ausgefüllter" Terminkalender dargestellt und damit leider viel Wahres gesagt wird, ist doch ziemlich scheiße.  

Kinder haben volle und richtig lange Schultage, kommen damit häufig schon auf eine 40-Stunden-Woche. Ein Hobby ist sicher toll, aber oft genug haben selbst Kinder so viel Freizeitstress, dass sie jeden Tag nach der Schule und am Wochenende noch einen Termin einzuhalten haben. Sie haben genau wie Erwachsene immer was zu tun und eilen von einer Verpflichtung zur nächsten. Kein Wunder, dass der Junge sehnsüchtig von einer Pause singt. Und in dieser "Pause" sitzt er auch nur da und mampft eine Süßigkeit. Warum das nicht gut ist, steht auf einem anderen Blatt. 

Ich fürchte: Wenn der Junge groß ist, wird das Wort "Müßiggang" vielleicht gar nicht mehr im Duden stehen - weil niemand mehr damit was anzufangen weiß. Oder das schöne Wort wird endgültig als "abwertend" deklariert sein. Genau wie  "Faulenzen" oder "Nichtstun", dabei ist das das schönste Gefühl der Welt. Wir verlernen, einfach mal zu sein und nichts weiter als genau das zu tun. Und jetzt wird in der Werbung auch noch gefeiert, dass das schon bei Kindern so ist. Traurige Aussichten sind das. Oder? Astrid Lindgren, die sich mit Menschen aller Altersklassen auskannte, soll mal gesagt haben: "Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen." Zeit wird's mal wieder ...